Christian Wulff : Den König spielen immer die anderen

Bisherige Staatsoberhäupter strahlten eine moralische Autorität und Unbeirrbarkeit aus, die auf das Volk eher entmutigend wirkten. Was wird aus den Deutschen, wenn Wulff im Amt bleibt?

Peter Kümmel
Christian Wulff wirkt als Bundespräsident alles andere als königlich. Foto: dapd
Christian Wulff wirkt als Bundespräsident alles andere als königlich.Foto: dapd

Jetzt kann man allmählich ahnen, wie es weitergehen wird zwischen den Deutschen und ihrem Präsidenten. Christian Wulff wird bleiben, und die Deutschen werden sich dafür schämen. Und alle machen einfach weiter. So wie man ihn bis jetzt kennengelernt hat in seinem persönlichen "shitstorm" (= Stahlgewitter), lässt sich vorhersagen: Wulff tritt nicht ab, egal, wie viele diabolische Bobbycars, Kochbücher und Mailboxdramolette noch aus seiner Vergangenheit auftauchen werden.

Jene still brütende Mehrheit der Bevölkerung, die den Mann als nicht mehr tragbar empfindet, wird höhnisch grinsen, sobald sie sein Gesicht sieht. Dass das einer Gesellschaft nicht guttut, sieht man an den Italienern und der verdächtigen Zunahme an Magen- und Darmerkrankungen, die dieses jäh gealterte Volk in der Berlusconi-Epoche hinnehmen musste. Da wir uns also auf dreieinhalb peinliche Jahre einstellen müssen, in denen ein mächtiges Ich in den entscheidenden Momenten immer nur "man" sagt, sollten wir anfangen, das Positive der Situation zu suchen.

Sagen wir es so: Wulff hat uns geweckt. Bisherige Staatsoberhäupter strahlten eine moralische Autorität und Unbeirrbarkeit aus, die auf das Volk eher entmutigend wirkten. Wir sanken ermattet im Stuhl zurück: So seriös wie jener sind wir sowieso nicht, also soll der mal an unserer Stelle vorbildlich handeln. Wenn er es tut, müssen wir es nicht mehr tun. Wulffs ausgebufftes volkspädagogisches Verhalten ändert nun die Lage. Er gibt, so könnte man fast glauben, ein schlechtes Vorbild, damit wir alle besser werden. Sein Hebel ist das in diesen Tagen viel erwähnte Fremdschämen: Man möchte keinesfalls so sein wie er.

Im Bestreben, nur nicht wulffisch zu wirken, könnten die Bürger der Schnäppchenrepublik Deutschland im Lauf der kommenden Jahre ihrerseits immer korrekter, seriöser, vorbildlicher werden. Schon hört man im Alltag solche Dialoge: "Ein Upgrade, ein Gratisgetränk, ein kleiner Preisnachlass gefällig? Weil man sich ja kennt beziehungsweise weil man sich im Leben immer zweimal sieht?" – "Ach, lassen Sie mal, ich will hier nicht den Wulff machen! Da zahl ich lieber den vollen Preis!"

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