Christine Lieberknecht : "Wir müssen alles aus dem Weg räumen"

Thüringens Sozialministerin Christine Lieberknecht wird als nächste Regierungschefin gehandelt. Ein Porträt.

Eike Kellermann

Es war kein angenehmer Auftrag, den Christine Lieberknecht am Wahlabend zu erfüllen hatte. Für die tief gefallene Thüringer CDU musste die Sozialministerin als eine der ersten aus der Führungsriege das Wahlergebnis kommentieren. Adrett gekleidet und gut frisiert wie immer und mit einem angemessen gequälten Lächeln tat sie ihre Pflicht.

Und doch machte sie auf Leute, die sie lange kennen, keinen unglücklichen Eindruck. Nach einer derart verheerenden Wahlniederlage war das bemerkenswert. Noch am Wahlabend wucherten deshalb die Spekulationen, dass sie es sein könnte, die Dieter Althaus als Regierungschef ablöst. Die Kanzlerin, so wird sich jetzt erinnert, habe mit ihr kürzlich in Weimar lang und vertraulich geredet.

Die 51-jährige Theologin aus Ramsla bei Weimar galt schon nach dem Skiunfall von Dieter Althaus im Frühjahr als dessen mögliche Nachfolgerin. Freundlich, wie es ihr Naturell ist, aber ebenso beharrlich hat sie das stets von sich gewiesen. In der Vergangenheit ließ sie immer mal durchblicken, dass sie auf ein derartiges Amt nicht erpicht ist. Wenigstens einen Rest von Privatsphäre möchte sie behalten und sich nicht jeden Halbsatz dreimal überlegen müssen.

Dabei qualifizieren sie – neben großer politischer Erfahrung – Redegewandtheit, Umgänglichkeit und Kompromissfähigkeit. In ihrer Zeit als Chefin der CDU-Landtagsfraktion brachte sie es zum Beispiel fertig, mit der bei der Union sonst so verhassten Linkspartei einen gemeinsamen Beschluss gegen Extremismus herbeizuführen. Dementsprechend steht sie bei Sozialisten wie bei Sozialdemokraten in hohem Ansehen. In den Verhandlungen über eine mögliche große Koalition kommt ihr deshalb eine Schlüsselrolle zu. „Wir müssen erst einmal alles aus dem Weg räumen, was unser Verhältnis in den vergangenen Jahren belastet hat“, sagte sie am Wochenende dem „Spiegel“ zum Verhältnis zwischen CDU und SPD in Thüringen.

Wenn es sein muss, hält die frühere Pastorin in gut protestantischer Manier allerdings unbeirrt an ihren Überzeugungen fest. Bekannt wurde Lieberknecht bereits im September 1989 mit dem „Brief aus Weimar“, in dem sie die Loslösung der DDR-CDU von der SED forderte. Ein Jahr später zog sie in den Thüringer Landtag ein. Sie war in der Zeit Bernhard Vogels Kultusministerin und Chefin der Staatskanzlei sowie Landtagspräsidentin. Machtwille ist ihr nicht fremd, immer aber blieb sie Mannschaftsspielerin. Eike Kellermann

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