Meinung : Christvesper mit Kindermusical

Robert Leicht

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Immer wieder gibt es Vorgänge, die statistisch zwar nicht repräsentativ sind, die aber dennoch auf irgendetwas Typisches hinweisen. So verhält es sich auch – was die gegenwärtige Lage des Protestantismus angeht – mit dem ominösen Kritik-Brief der 24 Unterzeichner an den Berliner Bischof Wolfgang Huber (Stichwort: Musical statt Gottesdienst). Er sei – so heißt es nun – nie zur Veröffentlichung bestimmt gewesen. Er hat aber, was die Sache selber betrifft, durchaus mit Zutun des Absenders das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Sei’s drum – der Vorgang hätte keine Aufmerksamkeit gefunden, wenn er nicht ein Unbehangen artikuliert hätte, das so mancher mehr oder weniger unbestimmt mit sich herumträgt. Nun aber gilt es, zusammen mit dem guten alten Aristoteles zu unterscheiden zwischen Substanz und Akzidentien, zwischen einzelnen äußeren Erscheinungen und der Sache dahinter, auch zwischen dem konkreten Anlass und dem Genossen Trend.

Der Anlass: Das war eine in den Augen der Kritiker (und vielleicht auch objektiv) misslungene Christvesper. Aber schon die Ankündigung „Christvesper mit Kindermusical“ hätte mich als kleinkinderlosen Senior bestimmt davon abgehalten, hinzugehen – wie auch so manches verheißene Krippenspiel(chen) ob seiner ästhetischen Anspruchslosigkeit und seines Dilettantismus mich in der Vergangenheit – anders allerdings als die lieben Kinderlein – peinlich berührt hatte. Ich würde allerdings auch, wenn es einmal so weit sein sollte, krabbelnde Enkel nicht in die von mir präferierte liturgisch vertiefte Mitternachtsmette mitschleppen. Wären die Briefschreiber doch zu der Christvesper mit Wolfgang Huber gegangen! Dessen Predigt war nämlich einfach prima.

Hinter der punktuellen Kritik steht allerdings ein generelles Unbehagen an manchen Erscheinungsformen des gegenwärtigen protestantischen Gottesdienstes; wobei man Ähnliches auch aus katholischen Milieus über die Zustände in der Schwesterkirche hören kann. Kurz gefasst: Zu viel Zeitgeist, zu wenig Heiliger Geist, zu viel Unbestimmtes, zu wenig Bestimmtes. Die „Häresie der Formlosigkeit“ habe schon manchen Protestanten der katholischen Kirche zugeführt, heißt es in dem Brief – wobei es ja auch viele Katholiken geben soll, die anstelle der nachkonziliaren landessprachlichen Liturgie gerne wieder die lateinische Messe zurückhätten, deren Worte das Kirchenvolk zwar nicht versteht, die aber so viel schöner klingt.

Und genau an dieser Stelle liegt der Hase im Pfeffer, weil nämlich an diesem Punkt deutlich zu unterscheiden ist: Geht es – ganz traditionell gesprochen – um Gottes Wort, also eine deutlich zu deutende Anrede, oder vielmehr um des Menschen Wunsch nach einem numinosen Kult, in dem zwar vieles gesprochen wird, aber wenig begriffen werden muss? Gewiss liegt in der Gottesdienstpraxis manches im Argen, liegen Sonntag für Sonntag Gelungenes und Misslungenes neben-, bisweilen durcheinander. Das war aber auch in den vermeintlich guten alten Zeiten nicht anders, in denen die geordnete Liturgie oft auch nur routiniert abgespult und in vielen Predigten salbadert wurde – sonst kennten wir dieses Tätigkeitswort doch gar nicht! Der Zeitgeist bleibt eine ständige Versuchung – und er hinterließ seine Spuren: nicht nur in der (protestantischen) Kirche, sondern in der gesamten Gesellschaft – so viel zum Thema Formlosigkeit.

Die Frage ist vielmehr: Wie viel an der Zeitgeist-Kritik ist auch nur wieder – Zeitgeist? Was also kehrt zurück – oder kommt erst einmal auf: das Bewusstsein für theologische Substanz und liturgische Verbindlichkeit, ein inständiger Glaube – oder eine vage Religiosität gehoben anständiger Bürgerlichkeit, zusammen mit Kopfnoten, Benimmschulen und Tanzkursen; und sonst nicht viel dahinter? Geht es also um eine nur gefühlte Frömmigkeit oder um das, was den Geschöpfen tatsächlich frommt, im Leben wie im Sterben?

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