Clinton und Obama : Größe durch Verzicht

Barack Obama spricht die Sehnsucht der Amerikaner nach einem Wandel an wie kaum einer zuvor - über Staatsgrenzen, Geschlechter, Hautfarben hinweg eint er die Wähler. Deshalb täte Hillary Clinton gut daran, für einen Präsidenten Barack Obama zu kämpfen.

Stephan-Andreas Casdorff

Die Amerikaner sind ja bekanntermaßen zum Pathos begabt. Sie haben keine Angst davor, ihre Politiker, weil sie es in aller Regel beherrschen und nicht umgekehrt. Denn es ist so: Wer es nicht beherrscht, kann in diesem Land auch nichts werden. Selten einmal lässt sich einer davontragen, von Al Sharpton abgesehen. Oder Jesse Jackson. Aber von denen ist schon länger keine Rede mehr. Sie haben das Bild schwarzer Kandidaten geprägt. Vorbei – jetzt geht es um Barack Obama, und der braucht keine allzu großen Worte. Nicht mehr. Er ist das Pathos in Person.

Und weil das so ist, weil er die Sehnsucht der Amerikaner nach Wandel über alle Grenzen hinweg anspricht, über Staatsgrenzen, Geschlechter, Hautfarbe, stehen die Zeichen für Obama auf – zunächst – die Kandidatur zum Präsidentenamt. Weiße unterstützen ihn, Latinos wechseln zu ihm, und die Frauen sind längst so emanzipiert, dass sie auch Männer wählen, schwarze Männer. Da entsteht das entscheidende Momentum.

Hillary Clinton darf es nicht verpassen. Es ist ohnedies schon eine historische Situation, dass die Demokratische Partei entweder mit einer Frau oder einem Schwarzen an der Spitze in den Wahlkampf ziehen will. Es ist ihr Verdienst, dass es nie die Frage war, ob sie das Präsidentenamt bewältigen könnte, von der Sache her. Aber weil es eben auch ein Gefühl gibt, das Gefühl, gut aufgehoben zu sein und nicht nur taktisches Material, ist die im Grunde bedeutsamste Veränderung, dass nunmehr der Mann für Sensitivität steht, nicht die Frau. Diese steht für Härte und Kompetenz und Kalkül. Für Frauen ist das, bei genauem Nachdenken, auch ein Gewinn.

Aber jetzt kann Hillary Clinton die Situation kühl analysieren und zugleich ein Gefühl von Größe produzieren. Jetzt könnte sie pathetisch werden und gewinnen, persönlich, politisch. Wenn sie sagte: All meine Liebe für dieses Land, meine ganze Kraft und mein Wissen setze ich von jetzt an für Barack Obama ein. Ich werde alles tun, um mit ihm gemeinsam den Wandel herbeizuführen – ich mache ihn zum Präsidenten.

Denn selbst wenn sie die Nominierung zur Kandidatin noch gewänne, sie würde verlieren. Hillary Clinton hätte die Demokraten gespalten und würde sie in die Niederlage gegen den Republikaner John McCain führen. Der mag seiner Partei suspekt sein, Clinton, Hillary-Billary, ist es vielen mehr. Sie würde die Republikaner einen.

Sie wird es wissen. Alle wissen es, Demokraten, Republikaner, Wahlkämpfer genauso wie die Leute auf der Straße. Und wenn sie es nicht wissen, aus den Statistiken über Wählerbewegungen, so fühlen sie es doch. Es geht nicht um eine Frau in diesem Amt, es geht um diese Frau. Jetzt wäre dennoch der Moment für sie, Geschichte zu schreiben. Durch den Verzicht könnte sie den Einfluss auf die amerikanische Politik gewinnen, den sie immer haben wollte. Nur nicht als Präsidentin. Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, frag, was du für dein Land tun kannst. Und der Bruder von JFK ist auch ein großer Senator geworden.

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