Contra ''Pro Reli'' : Soll Religion in Berlin Wahlpflichtfach werden?

Gerd Nowakowski sieht es nicht als staatliche Aufgabe an, Kinder mittels eines Pflichtfaches zum Besuch von Religion zu drängen.

Gerd Nowakowski

Die Freiheit kann ihnen niemand nehmen. Wer Kinder hat, kann entscheiden, ob er sie in den Religionsunterricht schickt. In Grundschulen ist das die große Mehrheit – auch wenn Religion freiwillig ist, Ethik nicht existiert und viele Eltern keiner Kirche angehören. Wer mit Glaubensfragen aufgewachsen ist, für den gehört Religion auch in höheren Klassen dazu, der fährt auch als konfessionsloses Kind zum Kirchentag – freiwillig.

Falls Pro Reli erfolgreich ist, wird es ab der ersten Klasse den Zwang zur Entscheidung geben: Ethik oder Religion. So will es Pro Reli, so ist die Abstimmungsfrage formuliert. Bisher gibt es Ethik nur in den Klassenstufen 7 bis 10; auf die Teilnehmerzahlen von Religion hat sich das gering ausgewirkt, auch wenn die Kirchen klagen, sie würden an den Rand gedrängt. In der Grundschule, das ist sicher, werden die Kirchen bei einer Pflichtfachregelung verlieren. Nicht konfessionell gebundene Eltern – 60 Prozent aller Berliner – werden sich dann vielfach für die Alternative Ethik entscheiden.

Ethik-Unterricht schafft im multikulturellen Berlin bei Jugendlichen ein Fundament gemeinsamer Werte und fördert mit dem Wissen um unterschiedliche Kulturen und Religionen ein gegenseitiges Verständnis und Toleranz für unterschiedliche Lebensweisen in einer Demokratie – im gemeinsamen Unterricht, nicht getrennt nach Glaubensrichtungen. Die christlichen Kinder, für die Pro Reli kämpft, sind in vielen Stadtteilen eine Minderheit gegenüber denen aus Migrantenfamilien. Für diese Realität hat Pro Reli kein Angebot. Ethik ist deswegen dort ein Gegengewicht zu Koranschulen, dogmatischen Elternhäusern und patriarchalischem Rollenverhalten.

Religion dagegen ist privat, ist Sache der Familien. Der Staat hat sich aus Glaubensfragen herauszuhalten. Weil es aber um kulturelle und philosophische Grundlagen des Staates geht, die er nicht selber schaffen kann, muss der Staat den Religionsunterricht ermöglichen. Berlin tut das; es stellt den Kirchen Klassenräume zur Verfügung und bezahlt 90 Prozent der Kosten der Lehrer.

Wer seine Kinder religiös erziehen möchte, wer sein Christentum in Familie und Gemeinde leben will, der soll dies tun. Die Freiheit will und darf ihnen keiner nehmen. Dann werden die so erzogenen Kinder auch den Religionsunterricht als Bereicherung ihres Lebens begreifen. Es kann aber nicht Aufgabe des Staates sein, Erziehungsaufgaben an Eltern Statt zu übernehmen. Was den Eltern nicht gelingt, darf aber nicht zur Aufgabe des Staates gemacht werden, die Kinder mittels eines Pflichtfaches dann zum Besuch von Religion zu drängen, wie es Pro Reli will. Wer glaubt, geht zum Religionsunterricht – freiwillig. So soll es bleiben.

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