Meinung : Cool Britannia

Die Terroranschläge haben die Börse nur vorübergehend aus dem Tritt gebracht

Ursula Weidenfeld

Diesmal hat es nur ein paar Stunden gedauert, bis die Märkte – die Aktien-, Devisen-, Options- und die Rohstoffhändler sich wieder beruhigt hatten: Als die Nachricht von den verheerenden Londoner Anschlägen gestern morgen die Börsen erreichte, gaben die Kurse zwar erst einmal dramatisch nach. Doch schon bald erholten sie sich wieder – obwohl am Ende des Tages klar war, dass es Tote und Verletzte gegeben hat. Und obwohl auch klar geworden war, dass die Terrornetzwerke immer noch die Kraft haben, die westliche Welt und damit auch die Weltwirtschaft mit ihren Zentren in New York und London zu treffen.

Doch weder die britische noch die Europäische Zentralbank senkten die Zinsen, um einen etwaigen wirtschaftlichen Einbruch zu dämpfen, noch wurden die Börsen weltweit geschlossen. Beinahe schon demonstrativ gingen die Notenbanker der Europäischen Zentralbank am Donnerstagnachmittag ohne eine Zinsentscheidung auseinander. Die Finanzminister seien mit den Notenbankern im ständigem Gespräch, sagte der deutsche Finanzminister Hans Eichel, aber auch nicht mehr. Auf dem G-8-Gipfel in Schottland wurde der Terror verurteilt, doch eine Veränderung der offiziellen Tagesordnung schien auch den Staats- und Regierungschefs nicht angebracht.

Wie anders war das Bild nach dem 11. September 2001. Damals wurden die Aktienhandelsstellen für Tage geschlossen, danach reagierten die Zentralbanken mit einer konzertierten Zinssenkung, um den Markt wieder flottzumachen.

So zynisch es klingt: Diese Erfahrungen und die nach dem Madrider Terroranschlag haben den Akteuren an den Weltbörsen ganz offensichtlich das Selbstbewusstsein gegeben, dass man auch solche Katastrophen verkraften kann. Sie haben gezeigt, dass die Weltwirtschaft nicht notwendigerweise in die Rezession rutschen muss, wenn sie angegriffen wird.

Dass die international eng verflochtenen Aktien-, Devisen- und Rohstoffmärkte aber trotz der zur Schau getragenen Gelassenheit sensibel auf mögliche Verschiebungen reagieren, hat sich auch gestern wieder gezeigt. Dollar und Pfund gaben gegenüber dem Euro nach. Denn die Anleger vermuten, dass die im Irak und Afghanistan besonders engagierten Länder auch künftig im Zentrum weiterer Terrorgefahr stehen. Der Ölpreis sank, weil die Spekulanten aus dem Markt ausstiegen und weil vielleicht erste Zweifel am weltweiten Wirtschaftswachstum wuchsen. Versicherungswerte wurden billiger, weil die Börsianer meinen, dass der Terror als Versicherungsfall die entsprechenden Firmen in den kommenden Monaten belasten wird.

Dieser Zustand wird jedoch nur so lange anhalten, wie die Anschläge von London nicht der Anfang einer neuen Terrorserie sind. Sollte sich das Gegenteil herausstellen, wird auch die Weltwirtschaft schärfer und einschneidender reagieren. Das würde alle treffen, auch die Länder, die am Irakkrieg nicht beteiligt waren.

Deutschland würde vermutlich besonders leiden, wenn die Wachstumsraten in der Welt zurückgehen. Die ohnehin schon flaue Konjunktur speist sich vor allem aus dem Export. Sollte der Euro nun wieder stark steigen, sollten die Aktien fallen und würden gleichzeitig die Bestellungen aus dem Ausland zurückgehen, wären selbst die Mini-Wachstumsraten in Gefahr. Das wäre bitter. Für jede Regierung, die ab September versuchen muss, die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen.

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