Crash der K-Gruppe : Die Grünen brauchen einen radikalen Neuanfang

Die Partei war auf dem Weg zur dritten Volkspartei. Doch mit ihrer aktuellen Kampagne haben sich die grünen Gründer diskreditiert. Die Partei braucht dringend neue Gesichter an der Spitze.

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Karin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin.
Karin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin.Foto: dpa

Dieser Absturz hat viele Väter und Mütter – weil sie zu lange stillgehalten und gute Miene zur falschen Strategie gemacht haben. Auch Winfried Kretschmann gehört dazu. Beim Steuerkonzept habe seine grüne Partei „Maß und Mitte verlassen“, grollt der baden-württembergische Ministerpräsident – hinterher. Früh gewarnt hatte er, ließ sich dann aber in Trittins Amoklauf einbinden aus Parteiräson. Damit begann die Selbstparalyse einer Partei, die doch so viel hält auf ihre Diskussionskultur. Der angekündigte Abtritt der Parteispitze ist deshalb die richtige Konsequenz.

Die Grünen-Spitze hat das Projekt an die Wand gefahren

Täusche sich niemand: Hier geht es um weit mehr als die verlorenen 2,3 Prozent der Stimmen. Hier bahnt sich ein Generationsbruch an; der Abtritt jener, die seit 35 Jahren die Partei steuern. Sie haben in kollektiver Selbstvergessenheit das grüne Projekt vor die Wand gefahren – mit nervendem Bevormundungsgestus, fehlender Empathie und empörender Selbstgerechtigkeit in der Pädophilen-Debatte sowie finanzieller Überforderung ihrer Wähler. Wer seinen Markenkern des ökologischen Umbaus sträflich vernachlässigt und erst im letzten Moment panisch umsteuert, hat es nicht besser verdient.

Jürgen Trittin sucht die Fehler bei anderen

So viel bricht da auf; die ganze alte linke Geschichte von Selbstüberschätzung und Verdrängung der eigenen Fehler. Was für eine erschreckende Realitätsferne, wenn Trittin nun „mächtige Interessengruppen“ ausmacht als Schuldige für die Niederlage. Da ist sie wieder, beim Göttinger Kim Il-Sung, trotz Krawatte statt Lederjacke, die Denkstruktur des einstigen K-Gruppen-Funktionärs. Mit Altersstarrsinn in die Pleite. Denn das muss man erstmal schaffen, ausgerechnet die grünen Stammwähler dermaßen zu verunsichern, dass die bis zum Wahltag die höchste Quote der Unentschiedenen hatten – und dann woanders ihr Kreuz machten. Dabei wollten die Grünen die Lehre von 1990 nie vergessen, als sie aus dem Bundestag flogen, weil sie trotzig „Alle reden von Deutschland, wir reden vom Wetter“ plakatiert hatten.

Mit ihrer aktuellen Kampagne haben sich die grünen Gründer diskreditiert. Dabei schien die Partei auf dem Weg zur dritten Volkspartei, und noch vor Monaten konnten sich vier von zehn Wählern vorstellen, Grün zu wählen. Nicht weniger als ein Neuanfang ist jetzt fällig – mit einer jungen Generation und neuen Gesichtern. Ohne Roth und Trittin, mit Demut statt stalinistischem Hochmut und einem behutsamen Neuaufbau statt des koketten Spiels mit Machtoptionen. Dazu gehört Schwarz-Grün auf Bundesebene, auch wenn es manch grünen Funktionär reizt, sich aus der Abhängigkeit von der SPD befreien zu wollen.

Die Grünen müssen sich jetzt neu finden

Aber für eine Partei, die ihre Selbstgewissheit neu finden muss, ist der Platz an Merkels Kabinettstisch selbstmörderisch. Anders auf Länderebene. Bei einer CDU-SPD-Koalition im Bund ist Schwarz-Grün in Hessen eine Chance, mit einem pragmatischen Bündnis neue grüne Verlässlichkeit zu zeigen. Der Aufbau muss von unten kommen. Mit den Tarek Al-Wazirs, mit den Winfried Kretschmanns, kann das gelingen.

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