CSU-Führungskrise : Willkommen in der BDR

Die CSU muss wieder Menschen gewinnen – die Zugezogenen aus dem Osten. Tagesspiegel-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff über die Bayrisch Demokratische Republik.

Stephan-Andreas Casdorff

Da waren es nur noch drei, dann zwei … CSU-Kandidaten für das Ministerpräsidentenamt in München. Schau’n mer mal. Der Countdown läuft, in zweifacher Hinsicht. Die CSU zählt sich an – und sie wird mit der gesamten Union weiter verlieren, wenn sie unter Niveau bleibt. Also wenn sie es nicht schafft, sich mit demokratischer Klasse schnell zu stabilisieren.

Der Ursprung der Krise liegt – ja, bei Edmund Stoiber. Ein politischer Wiedergänger, sagen die, die sein Tun darum auch „diabolisch“ nennen. Weil es Rache sei, schlicht Rache an Günther Beckstein und Erwin Huber. Richtig ist, dass Stoiber da keine Freunde mehr kennt. Davon unabhängig stimmt aber auch: Als die zwei endlich in ihre Ämter hineinwachsen konnten, schrumpften sie. Das wiederum hat Stoiber vorhergesagt, und alle in der Partei haben es gesehen, bloß gehofft, es werde doch irgendwie weitergehen wie bisher.

Nun soll der, der vor einem Jahr der Zweitbeste war, mehr als der der Erstbeste sein? Horst Lorenz Seehofer war nicht immer erfolgreich, ist nicht immer stetig, sondern zuweilen das irritierende Gegenteil. Hat er die Kraft, in jeder Hinsicht, die Partei zu einen und in die Zukunft zu führen? Noch dazu, wo er vor gar nicht allzu langer Zeit in den eigenen Reihen eher als christlich-sehrsozialer Sektierer geschmäht wurde? Und: Aufbruch verkörpert ein 59-Jähriger ja auch nicht unbedingt. Dagegen steht, dass er Oberbayer ist, somit einer, der Trachten tragen kann, ohne darin zu fremdeln. Er ist ein gestandenes Mannsbild, kann reden, Bierzelte füllen, gewinnend sein. „A Hund“, wie die Bayern sagen, ist er sowieso. Und eben sozial.

Doch die Bewährungsprobe liegt im Strategischen. Die CSU muss sich im Sinne der Erhaltung eines wohlverstandenen, auch sozialen Konservativismus neu aufbauen. Für sich, die CDU, die Union, für ihre Statik in Bayern und im Bund, wo sie im Kabinett sitzt. Ihre Begabung zur Modernität als Tradition und zur Tradition in der Moderne muss sich im Umgang mit den neuen Wählern erweisen. Deshalb neu, weil die vielen, die erkannt haben, dass Beckstein und Huber die Hinterlassenschaft nicht stemmen würden, anders als Wähler früher nicht darüber hinwegsahen, sondern frei danach handelten. Auf diese Wähler muss die CSU zugehen. Mit Regionalkonferenzen, transparenten (nicht politisch durchsichtigen) Entscheidungen, einer entschlossenen Öffnung. Quasi mit „Runden Tischen“. Nach den Einheitsfeiern.

Das Obrigkeitliche war gestern, Montgelas kehrt nicht zurück, und damit ist auch Stoiber gemeint. Will die CSU Volkspartei bleiben, muss sie wieder Menschen gewinnen. Schon bis zur Bundestagswahl. Und zwar die vielen, die in den vergangenen Jahren aus dem Osten zugezogen sind und im Rahmen einer friedlichen Revolution geholfen haben, eine neue bayerische demokratische Republik zu schaffen. Die Zeit läuft.

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