CSU : Seehofers Krallen

Die CSU erwartet von ihrem Häuptling, dass er das Löwenkostüm aus der Requisite holt und die Pranke wider Berlin erhebt. Das hat Horst Seehofer bereits getan. Aber kann er auch wirklich zuschlagen?

Robert Birnbaum

Jede Partei, wenn es ihr mal nicht so richtig gut geht, hat ihre eigenen Rituale der Selbstversicherung. Bei der SPD zum Beispiel singen sie gern alte Lieder. Bei der CSU wird vom jeweiligen Häuptling erwartet, dass er das Löwenkostüm aus der Requisite holt, ein Gebrüll anstimmt und die Pranke wider Berlin schüttelt. Horst Seehofer hat an seinen Vorgängern ja auch studieren können, wie schnell zum Bettvorleger wird, wer sich diesem Ritual verweigert. Also hat er, kaum im Amt, mit der Pranke gewedelt. Kann er aber zuschlagen?

Was Seehofer in Person angeht, ist die Antwort einfach. Obwohl von Natur eher taktischer Instinkt- als prinzipienscharfer Überzeugungstäter, hat er doch bewiesen: Wenn es sein muss, kann er stur sein. Angela Merkel bekommt es als Kanzlerin und CDU-Vorsitzende mit einem Mann zu tun, der ihr schon erfolgreich getrotzt hat. Und Seehofer kann seine Partei im Moment fest hinter sich wissen, wenn er es Merkel einschenkt. Die Erbitterung ist gewaltig, dass die große Schwesterpartei die kleine im Wahlkampf alleinließ.

Das Image des harten Kerls hat aber auch Nachteile. Es weckt Erwartungen. Wie schwer die zu erfüllen sind, kann man schon heute nachlesen. Der Koalitionsvertrag für die Landesregierung, die der Ministerpräsident Seehofer mit der FDP führen wird, enthält eine Passage mit Forderungen zur Erbschaftssteuer. Die klingen hart. Doch das eigentlich Bemerkenswerte ist, dass sie überhaupt da stehen. Die FDP will die Erbschaftssteuer abschaffen. An der CSU-Basis gäbe es dafür Beifall. Ihre Führung aber hat genau darauf geachtet, dass sie in Berlin kompromissfähig bleibt.

Derlei Gratwanderung wird Seehofer jetzt öfter vollführen müssen. Dass zu Hause eine tief verstörte Partei nach Beweisen dafür lechzt, dass sie doch noch wer ist, dass im Berliner Vorwahlkampf die SPD nur darauf lauert, Keile in die Union zu treiben, macht diesen Weg noch schwieriger.

Und was Merkel angeht: „Unser größter Trumpf ist die Kanzlerin, und das wird auch 2009 so bleiben“, hat vor kurzem der CSU- Vize Seehofer gesagt. Der Satz wird durch Aufstieg zum CSU- Chef nicht automatisch ungültig. Die Frage ist allerdings, wie lange sich Seehofer diese Einschätzung wird leisten können. Noch ist in der CSU der Gedanke verbreitet, dass die Wahlniederlage zwar irgendwie selbst verschuldet, aber mit etwas Anstrengung wieder umkehrbar sei. Diese tröstliche Theorie liegt ja auch Seehofers rasantem Aufstieg vom Diplom-Rebellen zum Alleinretter zugrunde.

Aber was, wenn sich zeigen sollte, dass die Abwendung der Ex- Untertanen von der Ex-Staatspartei dauerhafter ist? Schon die Europawahl wird der Test. Geht er schief, zählt bei der nächsten, der Bundestagswahl der Kampf ums Mitregieren in Berlin ganz schnell gar nichts mehr. Dann gälte es zu retten, was zu retten ist, im Zweifel auf Kosten der großen Schwester. Und dann müsste, und sei es nur zur Selbsterhaltung, auch der Löwe Horst die Krallen schärfen und ernstlich um sich schlagen.

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