CSU : Wir Lügner und Säufer

Ein Satz von CSU-Chef Seehofer bezogen auf die Kritik an Guttenberg beschäftigt Harald Martenstein. Was Seehofer sagen müsste, wenn er seine eigenen Ansprüche für sich selbst gelten ließe.

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Unser Autor Harald Martenstein.
Unser Autor Harald Martenstein.Foto: ddp

Bei seiner Rede am Aschermittwoch hat CSU-Chef Seehofer, bezogen auf die Kritik an seinem Parteifreund Guttenberg, den folgenden Satz gesagt: „Aus der Partei der Steinewerfer und RAF-Sympathisanten und von den Stasi-Kommunisten lassen wir uns nicht Anstand und Moral predigen.“

Über diesen Satz habe ich nachgedacht. Als Erstes fällt auf, dass der Vorwurf, Herr Guttenberg habe sich bei seiner Promotion irgendwie unanständig verhalten, auch von zahlreichen eher konservativen Personen geäußert wurde, unter anderem den CDU-Politikern Lammert und Schavan, auch von tausenden Akademikern und dutzenden Professoren, darunter der konservative Arnulf Baring. Guttenberg ist also keineswegs Opfer einer linken Verschwörung, sondern das Opfer seines eigenen Verhaltens. Die Frage, ob man betrügen darf oder nicht, ist keine politische Richtungsfrage.

Als Zweites fällt auf, dass keineswegs alle Grünen einst RAF-Sympathisanten waren. Auch waren nicht alle Mitglieder der Linkspartei bei der Stasi. In beiden Fällen handelt es sich um Minderheiten innerhalb der Parteien. Wenn man, wie Seehofer es tut, die Grünen trotzdem „Partei der RAF-Sympathisanten“ nennen darf, welcher Name träfe dann wohl auf die CSU zu? In der Geschichte der CSU gab es, verglichen mit anderen Parteien, deutlich häufiger Korruptionsskandale, häufiger Verkehrsdelikte unter Alkoholeinfluss und auch eine bemerkenswerte Häufung von öffentlich geäußerten Unwahrheiten. Selbstverständlich betreffen auch diese Verfehlungen nur eine Minderheit der Mitglieder. Seehofers Satz müsste also, wenn man es genau nimmt, so lauten: „Wir, die Partei der Korrupten, der Säufer und der Lügner, lassen uns von der Partei der Steinewerfer und RAF-Sympathisanten nicht Moral predigen.“ So wäre der Satz sachlich richtig und besäße eine innere Logik, aber er käme natürlich bei der CSU-Parteibasis nicht ganz so gut an.

Als Drittes fällt auf, dass RAF und Stasi seit langem nicht mehr existieren. Seehofer gibt also zu verstehen, dass jemand, der einen schweren Fehler macht, damit für alle Zeiten das Recht verwirkt, sich an Moraldebatten zu beteiligen. Diese Position kann man vertreten, auch wenn sie dem christlichen Gedanken der Vergebung widerspricht und das Comeback von Guttenberg nicht gerade erleichtert. Nun hat aber doch Seehofer selbst eine Ehebruchs-Affäre hinter sich, die natürlich kein Verbrechen war, aber doch den von ihm öffentlich lautstark vertretenen Prinzipien in keiner Weise entsprach. Das heißt, wenn er seine eigenen Ansprüche für sich selbst gelten lässt, dann muss auch er schweigen. Oder er muss sagen: „Wir, die Partei der Ehebrecher und der Bigotten, verzichten darauf, anderen Anstand und Moral zu predigen.“

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