Meinung : D-Mark: Die D-Mark war doch nur Geld

Hermann Rudolph

Zu den Thesen, mit denen die Euro-Einführung kritisch illuminiert wurde, gehörte die von dem besonders schweren Abschied von der D-Mark. Kein anderes Land - so prophezeiten die Kenner der deutschen Befindlichkeiten - werde sich so hart mit der neuen Währung tun wie die Deutschen. Den anderen, den Mit-Europäern, würde die Umstellung leichter fallen, weil sie für das große Experiment besser ausgestattet seien. Alle, Franzosen, Niederländer, Spanier, selbst die Italiener, hätten ein sicheres Nationalgefühl, auf das sie sich stützen könnten, bewährte Traditionen, markante Symbole oder wenigstens eine Monarchie. Nichts davon bei den Deutschen: Nationalgefühl erschüttert, Traditionen gebrochen, Identität ein Mister Kimble - immer auf der Flucht. Nicht Politik, nicht Kultur, schon gar nicht die Religion, einzig die Mark halte die Deutschen zusammen, stabilisiere sie und verschaffe ihnen ein gewisses Selbstbewusstsein.

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Und nun? Vor zwei Monaten wurde die D-Mark entthront, heute schlägt ihr letztes Stündlein. Aber die Erde hat nicht gebebt. Von Demonstrationen, etwa mit der doch fast auf der Zunge liegenden Losung, "Wir wollen unsere alte DM wieder haben", ist nichts bekannt. Und auch nichts davon, dass irgendjemand in der Bundesrepublik in diesen Wochen mehr als sonst über Identitäts-Schwierigkeiten geklagt habe. Geschehen ist, was alle miterlebt haben: Die Deutschen haben sich, ohne zu zögern, der neuen Währung zugewandt, zahlen von Anfang an eifrig mit dem neuen Geld und weinen der guten alten D-Mark keine Träne nach. Nicht einmal den schönen Charakterköpfen, die das alte Geld zeigte und wogegen die neuen phantasielos-neutral bebilderten Scheine und die noch phantasieloseren Münzen wahrhaftig einen Absturz darstellen. Die Umstellung ist, im Jargon der Bankleute, erstaunlich reibungslos verlaufen.

Sind die Deutschen treulos? Mag sein. Ergeben sie sich mit Fleiß allem Neuen? Schwer zu sagen. Vielleicht ist es so: Die ganze traurige Geschichte von den armen reichen, identitäts-gefährdeten Deutschen, die zur Aufpolsterung ihres Selbstgefühls nur die D-Mark hätten und sonst nichts, hat irgendwie nicht gestimmt. Möglicherweise war sie eine der im öffentlichen Leben der Deutschen üblichen Fiktionen, geboren aus Gedankenlosigkeit, Larmoyanz und der bekannten selbstquälerischen Neigung zur Nabelschau. Ein bisschen mehr ist es offenbar doch, was die Deutschen aufzuweisen haben. Etwa eine erfolgreiche Nachkriegsgeschichte, die ihnen schließlich auch noch ihre Einheit wiedergegeben hat, Institutionen, die nicht schlechter funktionieren als anderswo, und ziemlich gut geht es ihnen auch noch. Mag sein, dass wir der raschen Euro-Einführung also einen Beweis verdanken, der gar nicht zu überschätzen ist: dass die D-Mark auch nur Geld war. Wäre eine Erkenntnis, die für die Deutschen Gold wert ist.

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