Meinung : D. sucht den Superpräsidenten

Das Geschacher um die Nachfolge von Johannes Rau – ein Fall für Kai Pflaume

Lorenz Maroldt

Ganz Deutschland sucht. Zum Beispiel im privaten Fernsehen so genannte Superstars, wofür ja hier schon gehalten wird, wer einigermaßen fehlerfrei ein paar Lieder nachsingen kann. Deutschland sucht auch – im ZDF und der „Bild“ – „unsere Besten“, womit die Bedeutungsgrößten gemeint sind; dreihundert Kandidaten wurden vorgeschlagen, darunter ein gewisser Herr Mozart aus Österreich. Und dann sucht Deutschland einen neuen Bundespräsidenten. Ein paar Dutzend Namen möglicher und unmöglicher Nachfolger von Johannes Rau sind bereits im Spiel, und es werden täglich mehr. Rau selbst ist ja auch noch dabei, oder soll man doch besser sagen: noch nicht ganz draußen?

Ganz Deutschland sucht also irgendwen und merkt dabei offenbar gar nicht, dass die Suche nach dem Sinn des Ganzen vergessen worden ist. Das ist zwar ziemlich egal, solange es nur um die wirklich harte Entscheidung zwischen „Ferkel Thomas“ und „Hasch-Martin“ geht (wie bei „Star Search“, moderiert von Kai Pflaume) oder zwischen Roy Black und Götz von Berlichingen (aus der Vorschlagsliste von ZDF und „Bild“).

Gar nicht mehr lustig oder wenigstens langweilig ist es allerdings, wenn die Suche nach dem nächsten Bundespräsidenten – wie derzeit zu sehen – auf das Niveau der Gaga-Unterhaltung fällt. Und beim Fernsehcontest wird das Publikum – neben den Experten – wenigstens noch um seine Meinung gebeten, so dass Spurenelemente einer lebendigen Demokratie immerhin zu erahnen sind. Beim Wettbewerb „die Politik sucht den Superpräsidenten“ kommt es, erstens, nicht einmal mehr auf die Güte der Kandidaten an, sondern lediglich auf die Folgewirkungen der Kür; und zweitens werden schon heute, rund neun Monate vor dem Tag B., so schamlos Stimmen zum Kauf angeboten oder zu kaufen gesucht, dass von einer Wahl im ursprünglichen Sinn kaum mehr die Rede sein kann. Es geht hier um’s Geschäft.

Eher kuriose Randerscheinungen sind Versuche, verschiedene Varianten des Benachteiligungsausgleichs zu verknüpfen in der wirren Erwartung, Fronten befrieden zu können, die es so schon gar nicht mehr gibt: Gerne mal eine Frau, gerne mal jemand aus dem Osten – vielleicht sogar eine Frau aus dem Osten? Schade nur, dass es im Grundgesetz den Artikel 54 (1) gibt, der das Mindestalter des Präsidenten auf Vierzig festlegt – zweifellos eine Generationenungerechtigkeit, die gerade in dieser ungelenken Zeit unangenehm auffällt. Eine junge (!) Frau (!) aus dem Osten (!) – das wäre perfekt. Fragt sich bloß: Für wen und für was?

FDP-Chef Westerwelle, selbst gerade reif genug für das Hohe Amt (vom Alter her), hat soeben erklärt, die Präsidentenwahl solle sein Meisterstück werden. Selbstverständlich meint er damit nicht, dass er Präsident werden möchte, sondern Präsidentenmacher, was weit mehr zählt in dieser Republik. Er könnte also versuchen, die Stimmen seiner Leute anzubieten für, zum Beispiel, die Zusage einer der großen Parteien, dass bald auch mal er Außenminister sein darf. Oder er verschachert die spätere Wohlgefälligkeit seiner Partei und bekommt im Gegenzug heute schon Stimmen für einen eigenen Kandidaten, zum Beispiel den FDP–Fraktionschef Gerhardt, dessen Nachfolger Westerwelle auch gerne würde. Wie praktisch. Aus den Reihen der CDU sind Stimmen zu hören, die Unterstützung für einen Kandidaten der FDP signalisieren. Wie selbstlos. Die Union hat doch mehr als genug Kandidaten – aber genau das wird ihr zum Problem. Wer sich bewegt, hat schon verloren.

Deutschland sucht einen Präsidenten. Auf allen Kanälen. Und man kann nicht mal abschalten.

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