Meinung : Da droht die nächste Schande

Zehn Jahre nach dem Massaker in Ruanda beherrschen Vertreibung, Flucht und Mord den Sudan – Europa könnte eingreifen

Caroline Fetscher

Amerikas berühmteste Talkshow-Lady, Oprah Winfrey, hatte einmal eine Gruppe schwarzer Jugendlicher aus der New Yorker Bronx zu Gast. Sie debattierten über Rassismus und die Schoah. Was gehen mich die Juden an? rief einer der Jungen. Meine Leute wurden verschleppt und versklavt! Warum soll ich mich mit Antisemitismus befassen? Winfrey, die selber dunkelhäutig ist, erwiderte mit einem simplen Satz: „Because pain is pain.“ Weil Schmerz überall gleich ist. Er braucht keine Globalisierung.

Warum sollten wir uns mit 900 000 Männern, Frauen und Kindern befassen, die aus der Region Darfur im Sudan vertrieben wurden, mit 110 000 Sudanesen, die ins Nachbarland Tschad geflüchtet sind, und 30 000, die ermordet wurden? Darum. Im Sudan, so nah entfernt wie Safari-Urlaubsziele, werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. Zehn Jahre nach dem Genozid in Ruanda wüten auf der Südhalbkugel des Globus derzeit wieder ungestraft „ethnische Säuberer“. Soziale Verrohung und Gewalt sind Mitbewohner des Sudans seit Jahrzehnten – im Bürgerkrieg von 1983 waren zwei Millionen Menschen ermordet worden. Ehe der Sudan 1953 von Großbritannien unabhängig wurde, waren die Fürstentümer auf dem Territorium von Ägypten regiert. Sudans Herrscher, Omar Hassan al Baschir wurde an Kairos Militärakademie ausgebildet und putschte sich 1989 an die Macht, als wir im „Westen“ mit uns und dem Fall der Mauer beschäftigt waren.

1993 wurde al Baschir Präsident, mit dem Ziel, den Sudan zu „islamisieren“ – ohne Parlament, Parteien, freie Presse, Verfassung. Im Norden des Landes wurde die Scharia zum geltenden Recht. Eine Zeit lang fand auch Osama bin Laden im Sudan Asyl. Gegner des Regimes gelten als „Agenten des Imperialismus und Zionismus“, sie werden ermordet oder inhaftiert. Vor allem die im Süden lebenden Christen hatte al Baschir im Visier. Unlängst, nach Jahren der bewaffneten Konflikte, begann sich die Regierung mit ihnen zu arrangieren. Aber bei Patt und Pakt blieb kein Platz für andere im Land – die schwarzen Muslime in der Darfur-Region. Ihnen gelten die aktuellen Attacken des sudanesischen Regimes. Auf ihrem wegen Wassermangel und Versteppung schrumpfenden Siedlungsgebiet sollen „echte“ Muslime angesiedelt werden. Muslimische Paramilitärs, auch aus anderen arabischen Staaten rekrutiert, morden, vergewaltigen und foltern, brandschatzen Siedlungen und Dörfer. CNN und BBC können aus dieser Wüste noch nicht berichten, den Hilfsorganisationen versperrt das Regime den Weg in die Region. Doch Beobachter warnen vor einem zweiten Ruanda.

Sanktionen schrecken al Baschir nicht, dessen Ölbusiness ihn versorgt. Schon jetzt eignen sich die Täter im Sudan als Kandidaten für den Internationalen Strafgerichtshof. Der kann allerdings nur aktiv werden, wenn Straftaten begangen wurden. Um zu verhindern, dass Straftaten geschehen, müssen andere handeln. Der zehnte Jahrestag der Massaker in Ruanda hat gerade erst die Erinnerung an die 800 000 Toten dort geweckt. „Am Ende haben Frankreich und Großbritannien unter der Führung der USA die UN dazu gebracht, Beihilfe zum Massenmord zu leisten“, schrieb der heute tief verzweifelte kanadische General Romeo Dallaire in einem vor kurzem erschienenen Buch.

Es war Dallaire, der als UN-Peacekeeper aus Ruanda rief und dessen Rufe keiner hören wollte. Er sagt: „Kein Geld der Welt kann die UN von dem Blut der Ruander reinwaschen.“ Haben wir die Lektion gelernt? Oder ist der Westen gegen schwarze Opfer so rassistisch wie damals in Ruanda?

Ja, die EU könnte im Sudan eingreifen, erklärte Mitte April überraschend der Finne Gustav Hägglund, am Ende seiner Amtszeit als Vorsitzender des EU-Militärausschusses. Die EU könnte und müsste eingreifen. Denn die USA haben die Hände nicht frei. Indirekt hat Kofi Annan bereits ein UN-Mandat für eine Intervention in Aussicht gestellt. Dann wären die Streitkräfte der EU-Staaten gefragt. Sie könnten die Schande eines zweiten Ruanda verhindern.

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