Meinung : Da siegt die Sturheit

Wenn die Moderaten zu Hause bleiben: Nordirland wählt sich zurück in eine politische Eiszeit

Martin Alioth

Fünf Jahre lang schauten Nordirlands Wähler mit wachsender Ungeduld zu, wie harzige Kompromisse geschlossen wurden. Jetzt haben sie die Geduld verloren und Zuflucht in simplen Schlachtrufen gesucht. Pfarrer Ian Paisley spielt seit bald 40 Jahren die Rolle des Geistes, der stets verneint. Er und seine rabiate Protestantenpartei haben nie etwas Konstruktives geleistet. Nach dieser Wahl steht Paisley nun aber an seinem Lebensabend triumphierend an der Spitze der größten Partei Nordirlands.

Hinter Paisley stehen fähige Politiker, die irgendwann den Ausgleich mit der katholischen Minderheit suchen werden, aber vorläufig herrscht Eiszeit. Die gemäßigte Protestantenpartei von David Trimble hat die Feuerprobe nur scheinbar ungeschoren überstanden, denn in Trimbles neuer Fraktion sitzt ein halbes Dutzend Leute, die mehr mit Paisleys absoluten Heilsbotschaften anfangen können als mit Trimbles vorsichtiger Taktik. Noch bevor alle Mandate vergeben waren, forderten Trimbles innerparteiliche Widersacher schon seinen Rücktritt. Mit wem sollen die Repräsentanten der katholisch-irischen Bevölkerungshälfte künftig verhandeln?

Auch in deren Lager fanden dramatische Verschiebungen statt. Die geduldige Bannerträgerin des friedlichen Ausgleichs, die moderate SDLP, hat den Generationenwechsel an ihrer Spitze schlecht überstanden. Die aggressive Botschaft der IRA-nahen Sinn- Féin-Partei erwies sich als unwiderstehlich. Inzwischen ist Sinn Féin die zweitgrößte Partei Nordirlands, Trimbles einstige Staatspartei ist auf den dritten Platz gerutscht.

Es war immer schon zweifelhaft, ob die fragile politische Mitte Nordirlands den Belastungen eines komplexen Friedensprozesses würde trotzen können. Jene Nordiren, die am Mittwoch zu Hause blieben, tragen aber eine schwere Verantwortung. Die Ausrede, dass die Wahl ohnehin surreal wirkte, weil keine Einigkeit über die Regierungsbildung bestand, ist faul: Jetzt sind jene Kräfte geschwächt, die gelegentlich die Bedürfnisse des politischen Gegners berücksichtigen.

Selbstgerechtigkeit hat Konjunktur in Nordirland. Paisley fordert ein „besseres“ Friedensabkommen, will aber nicht mit der Sinn- Féin-Partei sprechen, die er als Mörderbande beschimpft. Das Ergebnis: ein politisches Vakuum. Nordirland wird bis auf weiteres von Engländern, Walisern und Schotten verwaltet. Das bedeutet nicht, dass die Provinz auf den Kriegspfad zurückkehrt. Aber wenn Sturheit vom Wähler belohnt wird, schwindet die Bereitschaft zum Kompromiss.

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