Meinung : Da stimmt die Chemie

Was die IG Metall von anderen Gewerkschaften lernen kann

Ursula Weidenfeld

Von heute an verhandeln Gewerkschaft und Arbeitgeber der Metallindustrie wieder über die Einführung der 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland. Verhandeln ist vielleicht nicht der richtige Begriff für den Termin: Die Aussicht, dass die Tarifpartner sich einigen, ist verschwindend klein. Es sieht so aus, als wolle die Metallgewerkschaft für eine Hand voll Unternehmen, die in den neuen Ländern noch dem Flächentarifvertrag anhängen, einen Streik riskieren.

Klar, man kann argumentieren, das sei gerecht. Weil 13 Jahre nach der Einheit die Zeit für gleiche Arbeitsbedingungen in Ost und West gekommen sei. Im Prinzip ist dagegen ja auch wenig zu sagen. Außer, dass bei einer flächendeckenden 35-Stunden-Woche künftig noch weniger Investitionen in die deutsche Metallindustrie fließen und damit noch weniger Arbeitsplätze entstehen. Ein Streit darüber und über die Frage, wer in Deutschland überhaupt noch die Arbeitszeitparagrafen der Metalltarifverträge anwendet, wäre richtig. Und aufschlussreich.

Doch darum geht es der Metallgewerkschaft gar nicht. Es geht ihr darum, ihre eigenen internen Konflikte über die Tarifauseinandersetzung mit den Arbeitgebern zu regeln. Es geht ihr darum, der Bundesregierung zu beweisen, dass man sich besser mit der IG Metall nicht anlegt. Es geht ihr darum, Muskeln zu zeigen.

Nur, wozu? In dieser Woche hat die friedfertige und vernünftige IG Chemie mit den Arbeitgebern einen Tarifvertrag vereinbart, der eine ziemlich deutliche Sprache spricht: 2,6 Prozent mehr Lohn und Gehalt – so viel haben die Metaller trotz des Streiks für dieses Jahr für ihre Leute nicht herausgeholt. Dazu gibt es eine Vereinbarung, dass die Arbeitgeber mehr Ausbildungsplätze anbieten werden. Und die Verabredung, dass Qualifizierung von den Tarifpartnern gemeinsam gefördert wird. Und dann ist da noch die Komponente, dass bei der Chemie die Langzeitarbeitszeitkonten künftig eine größere Bedeutung haben sollen.

Insgesamt ist das auch kein billiger Abschluss. Aber es ist einer, der in die Landschaft passt. Einer, von dem man behaupten kann, dass er Antworten auf die drängendsten Fragen der Zeit zu finden versucht: den Fragen nach Ausbildung, nach Weiterbildung, nach Arbeitsplätzen für die ganz Jungen und für die Älteren.

Im Gegensatz dazu fällt die IG Metall hinter ihre eigenen Erkenntnisse zurück. Das ließe sich vielleicht noch rechtfertigen, wenn die Metaller von ihrem Krawallkurs wenigstens überzeugt wären. Das sind sie aber nicht. Mit ihrer Taktik nutzen sie weder sich noch ihren Mitgliedern, noch denjenigen, die eine Arbeit suchen. Die IG Chemie zeigt, dass der Weg der Verständigung der bessere ist – und dass sich dabei unter dem Strich sogar mehr herausholen lässt als durch Tarifkampf.

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