Danke Facebook! : Sammeln gegen das Vergessen

Es ist heutzutage mühsam, all die Eckdaten seines Lebens, seine Erlebnisse und Freundschaften zusammenzuklauben. Aber dank Facebook weiß man auch in 30 oder mehr Jahren noch, was man wann genau mit wem gemacht hat.

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Facebook jetzt auch mit Tagebuchfunktion
Facebook jetzt auch mit TagebuchfunktionFoto: dpa

Der Mensch, zumindest der ein oder andere, neigt dazu, so er in die Jahre gekommen ist, sein Leben Revue passieren zu lassen. Mitunter erliegt er auch der Annahme, sein kleines Leben sei von übergeordnetem Interesse, dann schreibt er es auf in einer Autobiografie.

Gerechten Ausgleich findet diese Hybris in der vielen Arbeit, die so eine Nabelschau macht, will sie denn umfassend sein. Da werden Fotoalben aus der Zeit, als es noch Fotoalben gab, gewälzt, Familienurkunden im Keller der Erbtante gesucht und vor allem die Schlüssel für die Tagebücher der Jugend. Tagebücher, das zur Erklärung, waren in lange verwehten Tagen Notizbüchlein, in denen der Mensch sein Innerstes zu Papier brachte, und weil das auch sein Innerstes bleiben sollte, waren diese Tagebücher mit Schlössern versehen.

Transparenz und exhibitionistischer Mitteilungsdrang waren noch nicht verbreitet. Kurzum: Der Autobiograf hat eine rechte Mühe, all die Eckdaten seines Lebens, all die Kontakte, Begegnungen und Erlebnisse, all seine Freundschaften und Überlegungen, Gedanken und Ausschweifungen zusammenzuklauben. Die Plackerei ist nun vorbei. Dank der schon fast manisch zu nennenden, auf jeden Fall akribischen Sammelleidenschaft von Facebook reicht künftig ein Klick, um nachzuschauen, mit wem der Mensch, sagen wir am 20. April 2011, einem Mittwoch, so gegen Abend, präzise zwischen 22.23 Uhr und 23.12 Uhr, geplaudert hat.

Das kann der Mensch dank Facebook auch noch in 30, 40 Jahren nachprüfen. Und mehr noch: Er findet dann in diesem allumfassenden Archiv auch noch den Anlass der Plauderei also ob es sich dabei um ein erotisches Gespräch zur Nacht gehandelt hat oder um einen Diskurs über die Heideggersche Fundamentalontologie.

Dem möglichen kulturpessimistischen Einwand, dass ja auch andere Zugriff auf die Datenbank haben könnten und somit eine Autobiografie überflüssig sei, weil das Leben des Menschen ohnehin schon gläsern ist, ist wahrscheinlich nicht viel entgegenzusetzen. Nur ein „Na und?!“, hat der Mensch ja alles selber öffentlich gemacht. Und man soll auch nicht den medizinischen Vorteil dieses Facebook-Archivs außer Acht lassen. Bekanntlich erleben wir in diesen modernen Zeiten einen rasanten und eklatanten Anstieg an Demenzerkrankungen. Nochmal: „Na und?!“, wir brauchen kein Gedächtnis, wir müssen uns nicht erinnern. Das macht schon Facebook für uns.

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