Meinung : Darf es noch etwas Böses sein?

Warum es heikel ist, Verbrecher zu Wort kommen zu lassen

Harald Martenstein

Was bringt man, als Journalist, in die Zeitung? Das, was die Leser wollen. Das, was für sie wichtig und interessant ist. Alle anderen Kriterien sind nebensächlich. Die Leser zahlen schließlich unsere Gehälter.

Das klingt einfach. In der Praxis ist es aber schwierig. Erstens: Die Leser sind recht unterschiedlich. Mit dem, was dem einen gefällt, stößt man den anderen vor den Kopf. Zweitens: Es gibt Grenzen und Tabus – ein paar Grenzen gelten für alle, die meisten aber verlaufen je nach Medium verschieden. Wer zum Beispiel „Bild“ kauft, kann sich nicht beschweren, wenn er dort Bilder von nackten Mädchen sieht, oder Gewaltbilder, die drastischer sind als, sagen wir, in der „Welt“, die im gleichen Verlag erscheint.

Der Tagesspiegel hat seine Leser über den Mordfall des kleinen Jakob von Metzler ausführlicher und besser informiert als die meisten anderen Zeitungen. Vor ein paar Tagen erschien ein Interview mit dem Mörder. Nur in totalitären Systemen tut man so, als seien immer alle einer Meinung. Deshalb sei gesagt: Dieser Autor hier findet Interviews mit Kindermördern nicht gut. Mörderische Politiker wie Hitler oder Saddam Hussein zu interviewen, ist eine andere Sache. Von dem, was in ihrem Kopf vorgeht, hängt viel ab, deshalb ist es wichtig, über sie Bescheid zu wissen, egal, was man von ihnen hält.

Ein Kindermörder ist „wichtig“ oder „interessant“ nur in seiner Eigenschaft als Mörder. Seine Prominenz ist sein Mord. Soll man ihn einreihen in unsere Promi-Kultur, neben Udo Walz und Ariane Sommer?

Natürlich haben alle das Interview trotzdem gelesen. Es gibt das Phänomen des Interesses wider Willen: Man sieht etwas an einem Kiosk, lehnt es vielleicht ab, aber schaut es sich trotzdem an. Hinterher ist man wütend, halb auf den Kiosk, halb auf sich selber. Nicht nur das Sexuelle besitzt auf die meisten Leute eine solche Anziehungskraft, auch die Gewalt und das Böse.

Viele von uns finden wahrscheinlich, offen oder widerwillig, den Kannibalen interessant, der kürzlich auf dem „Stern“-Titel zu sehen war, so, wie man das Schicksal der von ihrem Freund totgeschlagenen Schauspielerin Marie Trintignant interessant findet; oder damals den Fall O. J. Simpson, oder noch früher Jack the Ripper.

Es klingt paradox – die Beschäftigung mit diesen Dingen kann eine Methode sein, sich von ihnen zu distanzieren. Aber bei den Medien gilt Distanz nicht mehr viel. Das ist eine allgemeine Tendenz. Früher galt Distanz als wichtige journalistische Tugend, heute heißt die Haupttugend Nähe, also Distanzlosigkeit. Das Interview, in dem der Prominente sich in Talkshow oder Zeitung selbst darstellt, ist fast überall wichtiger als die Analyse. Um korrekt zu sein, dürfte man nicht von „Nähe“ sprechen, es ist ja in der Regel nur die Illusion von Nähe, die dabei entsteht.

Aus verschiedenen Gründen – das Fernsehen spielt eine Rolle, der Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin, das Vorbild USA, der Konkurrenzkampf – ist das Berühmtsein in den Medien zum Selbstzweck geworden. Eine diffus wabernde Promikultur breitet sich aus, bei der immer seltener gefragt wird, wie läppisch oder moralisch fragwürdig die Prominenz zustande gekommen ist. Allmählich greift die Promikultur auch nach dem Bösen, das natürlich faszinierend ist.

Gegen die Beschäftigung mit dem Bösen ist ja auch nichts zu sagen. Bei dem Interview mit dem Kindermörder stand die Idee Pate, man könnte so etwas darüber erfahren, wie es zu solchen Taten kommen kann. Es funktioniert nicht. Es kommen fast immer Banalitäten heraus, wenn man Mörder befragt. Jeder Verbrecher will im Grunde das Gute und sieht sich als Opfer. Das Böse hat nur selten ein Bewusstsein von sich, man kann es nicht interviewen.

Wenn man aber überlegt, wie wichtig der Wert „Berühmtsein“ bei uns ist, wie fast jeder Jugendliche davon träumt, ein Star zu sein, dann begreift man die Gefahr, die darin steckt, Verbrecher als Prominente zu behandeln. Wenn man sich die Folgen überlegt, muss man sich eine Sekunde lang eine Sendung „Menschen 2003“ vorstellen, bei der sie zum Finale alle gemeinsam in die Kamera winken – Günther Jauch, Angela Merkel, Daniel Küblböck und der Kannibale. Dieses Bild wäre sicher interessant und faszinierend. Wollen wir es sehen? Hoffentlich nicht.

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