Darüber spricht die ganze … : ... Schweiz

Jan Dirk Herbermann über ein Eigentor aus Fettkäse.

Schon zu Zeiten des mythischen Nationalhelden Wilhelm Tell sollen die Schweizer große Fans des Raclettes gewesen sein. Damals, im 13. Jahrhundert, hieß das Gericht noch Bratchäs. Die knorrigen Einwohner des Berglandes erhitzten würzigen Fettkäse an einem offenen Feuer, streiften die weich gewordene Masse auf Holzplatten ab. Dann langten sie kräftig zu. Den Käs spülte man mit weißem Wein hinunter. Durch die Jahrhunderte verfeinerten die Eidgenossen das Raclette, sie entwickelten es zu ihrem Nationalgericht: Der Brei ist ein echtes Stück Schweiz.

Doch seit Jahren tobt ein unappetitlicher Streit um das Raclette. Der Konflikt hielt selbst die höchsten Schweizer Richter in Atem. Jetzt fällte das Bundesgericht in Lausanne ein Urteil: Raclette ist kein schützenswerter Name für einen Käse. Man könne den begehrten AOC-Schutz (Appellation d’Origine Contrôlée) nicht gewähren. Mit anderen Worten: Jeder Produzent darf seinen Käse Raclette nennen. Die Begründung der Juristen: Ursprünglich sei das Raclette ein Gericht und kein Käse gewesen. Erst ab den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts seien die Schweizer dazu übergegangen, auch Käse als „Raclette“ zu bezeichnen.

Die Milchbauern aus dem Kanton Wallis reagierten bestürzt. „Das ist ein Eigentor der Schweiz“, wetterte der Milchverband. Die Walliser produzieren jährlich 2000 Tonnen Raclettekäse, sie fühlen sich als die Verteidiger der helvetischen Raclette-Tradition. Vor vier Jahren hatten sie den AOC- Schutz beantragt. Erst sagte die Regierung Ja, dann hieß es wieder Nein. Schließlich zogen die Walliser Käser vors Bundesgericht. Sie wollten die Labels „Raclette“ und „Raclette du Valais“ exklusiv für sich haben. Andere Bauern sollten ihren Käse nicht mehr Raclette nennen dürfen. Ein Verbot, so hofften die Walliser, würde ihnen die Konkurrenz vom Halse halten – doch das Kalkül ging nicht auf. Jetzt fürchten die Walliser eine Raclette-Schwemme aus dem europäischen Ausland über die Schweiz hereinbrechen. Der billig produzierte Industriekäse werde die Walliser Bauern vom Markt drängen.

Die Schweizer Käsebauern, die nicht im Walliser Milchverband organisiert sind, begrüßten den Richterspruch. Jetzt herrsche Klarheit: Alle Bauern aus der Schweiz dürfen das Wort Raclette auf ihren Käse kleben – egal ob sie in Graubünden, dem Berner Oberland oder eben im Wallis fertigen.

Und was sagen die Verbraucher? Die Stiftung für Konsumentenschutz ließ wissen: Das Hickhack um das Nationalgericht sei schon „ein bisschen peinlich“.

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