Darüber spricht ganz … : … Ägypten

Martin Gehlen über das Los eines Mediziners, der eine Prinzessin von Morphinen abhängig gemacht haben soll.

Martin Gehlen

Scharia-Prügelstrafen – in Saudi-Arabien stehen sie jeden Tag in der Zeitung. Mal sind es 50 Schläge fürs Rauchen im Flugzeug, mal 75 Schläge für einen Mann, der eine geschiedene Frau vor ihrer Familie versteckt hat. Am härtesten traf es jetzt einen ägyptischen Arzt, der im Gefängnis von Dschidda sitzt. 1500 Hiebe plus 15 Jahre Haft lautete das Urteil – dosiert auf 70 Schläge pro Woche. Raouf Amin al Arabi habe die Ehefrau eines saudischen Prinzen, offenbar ein Neffe von König Abdullah, von Schmerzmitteln abhängig gemacht, befand das Gericht.

Nach der ersten Auspeitschung Anfang November ist der Prügelrhythmus vorerst unterbrochen, nachdem der Gefangene Atemnot und Herzbeschwerden bekam. Seit 20 Jahren lebt und praktiziert der 53-jährige Mediziner aus Kairo in dem Ölscheichtum. Nach Angaben seines Sohnes war die Prinzessin allerdings „schon abhängig von Schmerzmitteln, bevor mein Vater sie zu behandeln begann“. Selbst die Morphine habe er nicht mitbringen müssen, „die waren bereits im Haus“.

In Ägypten lässt der Fall des unglücklichen Doktors jetzt die Gefühle hochkochen. Denn die Saudis sind bei ihren arabischen Nachbarn unbeliebt, bei einigen sogar verhasst. Daheim geben sie sich als fromme Muslime, im Sommerurlaub indes nerven sie in den luxuriösen Nil-Hotels mit ausschweifendem Lebenswandel, durch den sie der Hitze und der bohrenden Langeweile ihres Ölscheichtums entfliehen. 1,5 Millionen Ägypter arbeiten in dem Wüstenreich zwischen Rotem Meer und Persischem Golf, die Hausangestellten unter ihnen sind von ihren saudischen Familien oft abhängig wie Sklaven.

Nun organisierten Mediziner in Kairo einen ersten Sitzstreik vor der saudischen Botschaft. Die Ärztegewerkschaft veranstaltete zwei Kundgebungen mit den betagten Eltern des Verurteilten. Angesichts der wachsenden Empörung setzten sich nun auch ägyptische Diplomaten in Riad in Bewegung und übergaben ein offizielles Gnadengesuch an den König. Doch die Saudis wollen hart bleiben, so dass der Streit weiter eskaliert. Kairos Arbeitsministerin Aisha Abdel Hadi ordnete an, bis auf Weiteres keine neuen Arbeitserlaubnisse für ägyptische Doktoren in Saudi-Arabien mehr auszustellen – ein Schritt, den die Ärztegewerkschaft unterstützt. Für deren Chef Hamdi al Sayyad ist das Urteil Folter. „Er hat schon 70 Schläge bekommen, und er soll fortan jede Woche gepeitscht werden“, sagt er. „Eine solche Strafe ist selbst für einen Mörder zu hart.“

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