Darüber spricht ganz … : … Ägypten

Martin Gehlen über arabische Diplomaten, die Strafzettel in Millionenhöhe einfach ignorieren.

Martin Gehlen

Sie pfeifen auf jedes Verkehrsschild. Ob in London, Berlin oder New York, bei Lenkrad-Rowdys unter arabischen Diplomaten fallen stets die gleichen Herkunftsnamen: Ägypten, Saudi-Arabien, Sudan und Kuwait. In London sammelte ein weißer Mercedes vom Nil Parkknöllchen für 11 000 Euro. Rekordhalter an der Themse waren die Sudanesen mit 811 Bußzetteln für 90 000 Euro, gefolgt von den Saudis mit 182 Bußzetteln für 17 000 Euro. Bei der UN in New York lag Ägypten jahrelang unangefochten vorne, gefolgt von Kuwait und dem Sudan. In Berlin belegen Ägypten und Saudi-Arabien die Spitzenplätze.

Auch wenn sie sich auf ihre Immunität berufen, der Ton in westlichen Hauptstädten gegenüber den Flegeln in Schlips und Kragen wird härter, wie ägyptische Zeitungen genüsslich berichten. „Alle Autofahrer sollten den gleichen Strafen unterliegen – egal, welchen Status sie besitzen“, wird der britische Transportminister zitiert. „Viel können wir nicht tun“, wiegelt dagegen das britische Außenministerium ab. Auch Berlin redet seit Jahren ausländischen Diplomaten ins Gewissen – vergeblich. Allein in den letzten beiden Jahren verdoppelten sich die Delikte.

Anders in New York. Nachdem sich 150 000 unbezahlte Verwarnungen im Wert von 18 Millionen Dollar angehäuft hatten, platzte den Stadtvätern der Kragen. Im US-Kongress erwirkten sie ein kleines Gesetz, seitdem darf die Polizei Diplomatenkarossen abschleppen. Die unbezahlten Knöllchen werden am Jahresende hinzuaddiert und zu 110 Prozent, also inklusive Bearbeitungsgebühr, von der US-Entwicklungshilfe an die betroffenen Staaten abgezogen. Die Wirkung ist spektakulär. Die Zahl der Verstöße fiel von 5000 im Monat auf weniger als 100. Auf einmal konnten auch Ägypter, deren Land neben Israel die meisten US-Milliarden einstreicht, Verkehrszeichen lesen.

Ein „einzigartiges Naturexperiment“, frohlockten die Korruptionsforscher Edward Miguel von Berkeley und Ray Fisman von Columbia. In ihrer Studie „Kulturen von Korruption – Schlussfolgerungen aus Parkstrafzetteln für Diplomaten“ ermittelten sie vor Einführung der Sanktionen eine „extrem hohe Korrelation“ zwischen Verkehrsdelikten und Platzierung der Staaten auf dem Korruptionsindex von Transparency International. „Kulturelle und soziale Normen, die korruptes Verhalten bedingen, sind sehr hartnäckig“, bilanzierten die beiden. Auch wenn Diplomaten tausende Kilometer von ihren Heimatländern entfernt leben: Sie benehmen sich weiterhin so, „wie ihre Regierungsbeamten zu Hause“.

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