Darüber spricht ganz … : …Amerika

Christoph von Marschall über Chelsea Clinton und die Sehnsucht nach einer Vorzeigetochter im Weißen Haus.

Präsidentenkinder haben es schwer. Sie dürfen nicht erwachsen werden. Normalsterbliche erfahren Ähnliches nur von den Eltern: Kind bleibt Kind, unabhängig vom Alter. Doch mit dem „First Family“-Nachwuchs lebt die ganze Nation. Chelsea Clinton war zwölf, als ihr Vater ins Weiße Haus einzog. Bill, Hillary und ein Teenager als „First Daughter“: Das unzertrennliche Trio gehört so fest in Amerikas Gedächtnis wie John F. Kennedy mit dem zweijährigen kurzbehosten John-John im Oval Office. Natürlich sind das Klischees. Auch Chelsea wurde in zwei Amtszeiten acht Jahre älter. Sie war längst aus dem Haus und studierte, als Bill Clintons Amtszeit 2001 endete. Für die meisten Bürger aber ist sie unvergängliche 15 geblieben, mit wilden, hellbraunen, schulterlangen Locken und Akne im Gesicht.

Nun aber spekulieren US-Medien über eine Mehrfachpremiere. Mutter Hillary hat gute Chancen, 2008 zur ersten Präsidentin gewählt zu werden. Chelsea würde dann ein zweites Mal „First Daughter“, auch das gab es noch nie. Doch welch ein Schock für die Nation: Von Kind kann keine Rede mehr sein. Sie ist 27, arbeitet für einen Hedgefonds, hat einen festen Freund und ihr eigenes Leben fern der Politik.

Doch so einfach lassen sich Amerikaner ihr Traumbild von der „First Family“ nicht nehmen. Sie ist der Ersatz für das fehlende Königshaus. Selbst seriöse Blätter wie die „New York Times“ schwelgen in untertänigen Lobliedern auf die Vorzeigetochter. Ganz wie die Mutter interessiere sie sich brennend für das reformbedürftige Gesundheitswesen. Mehr als 20 Millionen Dollar soll sie für die humanitäre Stiftung des Vaters eingeworben haben. Und wer meint, Präsidentenkinder kämen dank „Vitamin B“ an Jobs mit sechsstelligen Jahresgehältern, erst bei McKinsey und nun bei Avenue Capital Group, dem Hedgefonds eines Parteispenders der Demokraten, wird belehrt: Chelsea habe Neider und Skeptiker „mit ihrem Fleiß und Enthusiasmus überzeugt“.

Die Sehnsüchte kennen keine Grenze: Erlebt Amerika endlich mal wieder eine Hochzeit im Weißen Haus? Geht auch Chelsea eines Tages in die Politik? Ach, die Wirklichkeit ist weniger glamourös. Ex-Abgeordneter Edward Mezvinsky, der Vater ihres festen Freundes, sitzt noch bis November 2008 im Gefängnis, weil er Investoren um Millionen betrogen hat. Und Chelsea betont zwar: „Ich will meinem Land dienen.“ Aber direkt nach dem Studium, wenn demokratischer Politnachwuchs gesellschaftspolitische Arbeit leistet, entschied sie sich fürs Geldverdienen in Wall-Street-Nähe.

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