Darüber spricht ganz … : …Bulgarien

Thomas Roser über streikende Lehrer im ärmsten Land der Europäischen Union.

Thomas Roser

Erst vor zwei Wochen begann in Bulgarien das neue Schuljahr. Doch statt auf harten Schulbänken zu sitzen, kann sich der Großteil des schulpflichtigen Nachwuchses zwischen Donau und Schwarzmeer schon seit einer Woche wieder auf den heimischen Wohnzimmersofas lümmeln. Ein landesweiter Lehrerstreik hat Bulgariens Kindern zum Leidwesen ihrer Eltern schulfrei beschert. Doch die rund 100 000 Lehrer und Kindergärtner werden dennoch von ihren Landsleuten unterstützt: Denn ihre Besoldung hinkt nicht nur der ihrer Lehrerkollegen im Ausland, sondern auch der anderer Berufsstände in Bulgarien hoffnungslos hinterher.

Zwar steht das Land noch immer am Ende aller EU-Wohlstandsstatistiken. Doch seit sieben Jahren in Folge weist Bulgarien Wachstumsraten von über fünf Prozent auf – und hat sich zu einer der am raschesten expandierenden Volkswirtschaften des Kontinents entwickelt. Doch der kleine, aber spürbare Aufschwung ist am bulgarischen Erziehungssektor fast völlig vorübergegangen: Gerade einmal 370 Lewa (rund 180 Euro) beträgt der monatliche Durchschnittsverdienst eines bulgarischen Pädagogen. Im benachbarten Rumänien verdienen Lehrer zwischen 340 und 500 Euro, in Ungarn gar bis zu 900 Euro pro Monat.

Angesichts des sich rasch dem EU-Mittel nähernden Preisniveaus in Bulgarien fordern die Gewerkschaften zumindest eine Verdoppelung des bisherigen Salärs. Doch mit dieser Forderung beißen die Streikenden bei Erziehungsminister Daniel Vultschev indes auf Granit. Angesichts der Ebbe in der Staatskasse will er den Erziehern allenfalls eine halb so große Gehaltsaufstockung gewähren.

Das Ende des Arbeitskampfs ist noch nicht in Sicht. In Burgas haben die Protestierenden sogar zu einem unbefristeten Hungerstreik aufgerufen, in Sofia gar ein Zeltlager errichtet. Doch auch wenn die Regierung bislang kaum Entgegenkommen zeigt, haben die Gewerkschaften den Zeitpunkt des Ausstands klug gewählt. Ende Oktober muss sich die bedrängte Mitte-Links-Koalition kommunalen Urnengängen stellen – und ein Arbeitskampf ist beim Stimmenstreit eher hinderlich. Die heimische Presse hat sich mehrheitlich ohnehin bereits auf die Seite der aufmüpfigen Staatsdiener geschlagen. Von „entwürdigend niedrigen Gehältern“ schreibt die Zeitung „Dnevnik“: „Die Leute wollen mehr Geld und sie haben recht. Immerhin leben sie in einem EU-Land mit europäischen Preisen.“

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