Darüber spricht ganz … : … Frankreich

Hans-Hagen Bremer über Reza, Sarko und die neue Littérature engagé.

Hans-Hagen Bremer

Das erste Exemplar erhielt natürlich der Präsident. Ein Bote des Pariser Verlagshauses Flammarion lieferte es am vergangenen Sonntag im Elysee-Palast ab. Seit Freitag liegt das neueste Werk der französischen Dramatikerin Yasmina Reza in den Buchhandlungen aus. Darin schildert sie die Eindrücke, die sie während des Wahlkampfs von Nicolas Sarkozy gesammelt hat. Ein Jahr lang hat sie den Kandidaten aus nächster Nähe auf seinem Weg zur Macht beobachtet. Das Ergebnis ist ein 186 Seiten starkes Paperback unter dem Titel „L’aube, le soir ou la nuit“ („Morgendämmerung, Abend oder Nacht“), das mit einer Startauflage von 100 000 Exemplaren und dank des von den Medien entfesselten Rummels auf dem Weg zum Bestseller ist. Ein „fantastisches Porträt eines einzigartigen Mannes“ nennt die Zeitung „Le Parisien“ den von „Le monde des livres“ als „Ballade von Yasmina und Nicolas“ präsentierten Essay.

Im Juni 2006 hatte Reza den damaligen Innenminister aufgesucht und ihm ihr Projekt unterbreitet. Sarkozy habe sich geehrt gefühlt, schreibt sie. Dass eine so renommierte Autorin, deren Werk in über 30 Sprachen übersetzt und deren bekanntestes Stück „Kunst“ in London und New York jahrelang gegeben wurde, ein „literarisches Porträt“ über ihn schreiben wollte, ließ ihn nicht einen Moment zögern. Er stellte keine Bedingungen. Sie durfte überall dabei sein. Bald gehörte sie zum engsten Kreis um den Kandidaten. Er duzte sie, wie er alle duzt, und sie duzte ihn dann auch. Es gibt ein Foto, das sie beim Tanzen mit Sarkozy zeigt.

Sensationen liefert Reza nicht, auch keine politischen Analysen. „Jenseits der Klischees“, wie ihr Milan Kundera riet, zeichnet sie ein sehr persönliches Bild Sarkozys, teils kritisch, manchmal ätzend, immer wieder menschlich. Mit einem ständig unruhigen kleinen Jungen vergleicht sie ihn, dessen Anzüge eine Nummer zu groß geraten scheinen. Seine ununterbrochene Naschsucht und seine Vorliebe für teure Uhren der Marke Rolex hält sie fest. Seinen oft rüden Umgang mit Menschen spießt sie auf: die ehemaligen französischen Botschafter in Russland und im Libanon habe er als „Debile“ und „Idioten“ beschimpft. Vor allem aber liefert sie Einsichten in sein Verhältnis zur Macht. „Wir werden Europa erobern“, sagte er ihr nach einem Gespräch mit Tony Blair. „Wenn es mich nicht gäbe, müsste man mich erfinden“, zitiert sie ihn.

Reza weist den Verdacht der Hagiografie zurück. Zum Schluss ihres Buchs schimmert aber doch Sympathie für ihren Helden durch. Ob er es schon gelesen habe, wurde Sarkozy nach Erscheinen des Buches gefragt. Seine Antwort: „Ich lese keine Bücher über mich.“

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