Darüber spricht ganz … : … Italien

Paul Kreiner über die Warze der Wahrheit

Paul Kreiner

Eine junge Frau von eher weichlich unsportlicher Figur, lässig hingeräkelt auf einem Wolkenbett, bekleidet mit einer hauchdünnen Tunika, bei der irgendjemand die Träger weggestreift hat. Die Brüste liegen frei. Neben ihr: ein runzliger, verbrauchter, müder, dunkler alter Mann, der nicht mal auf die junge Gespielin sieht, die da so lasziv in seinen Armen liegt, sondern traurig zur anderen Seite.

So hat es der venezianische Künstler Giambattista Tiepolo im 18. Jahrhundert gemalt. „Die Wahrheit, enthüllt von der Zeit“, heißt das allegorische Riesengemälde, das Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi seit einigen Wochen in Kopie als Hintergrund für seine Pressekonferenzen benutzt. Höchstpersönlich hat er sich diese barocke Dekoration ausgesucht. Die Wahrheit, wollte er damit wohl sagen, solle in den Artikeln herauskommen, die die Journalisten über ihn schreiben.

Die Wahrheit, das ist die junge Frau; sie hat nichts zu verbergen. Besser gesagt: Sie hatte nichts zu verbergen. Denn jetzt haben Berlusconis Leute die Wahrheit zugepinselt und die eine sichtbare Brustwarze mit einem Schleierchen übermalt. Die nackte Wahrheit, die da bei den Pressekonferenzen immer just über dem Gesicht Berlusconis ins Fernsehen blinkte, die hätte beim Publikum „zu Irritationen führen“ können, meinten die Image-Berater.

Jetzt grinst natürlich Italien: über Berlusconis mehrfach geliftetes Gesicht, über seinen chirurgisch kultivierten Haarwuchs – und über die „Wahrheit“ hinter ihm. Kunsthistoriker und patriotische venezianische Politiker sind empört: einen Tiepolo fälscht man nicht! Der Chef der Vatikanischen Museen macht sich lustig: So prüde wie Berlusconi sei man heute nicht mal mehr beim Papst. Dass man den Figuren auf Michelangelos „Jüngstem Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle jene berühmten „Unterhosen“ verpasste, ach, das sei lange her, 443 Jahre.

Mal sehen, ob in der politischen Denkpause des Sommers die Hülle wieder fällt. Jedenfalls sollte Berlusconi sich vorsehen, wenn er in Tiepolos Allegorie eingreift. Die Zeit, das ist bei Tiepolo zwar durchaus jener runzlige, alte Mann. Aber wenn er so eng auf die Wahrheit trifft, wenn sich die Wahrheit an ihn schmiegt, dann ist er seiner Potenz beraubt: Das Stundenglas ist ihm genommen, die Sense liegt machtlos auf der Wolke nebenan. Mit anderen Worten: die Zeit steht still.

Pinselt Berlusconi aber die Wahrheit zu, dann setzt er Tiepolos Gleichnis außer Kraft. Dann verrinnt die Zeit wieder. Berlusconi wird demnächst 72 Jahre alt. Das vergisst er so gerne. Und seine Berater wissen offenbar nicht, was sie tun. Sie sagten, sie hätten „für einen guten Zweck“ gehandelt.

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