Darüber spricht ganz … : … Italien

Gerhard Mumelter erzählt, warum eine Ausstellung zu Kunst und Homosexualität in Mailand nicht eröffnet wurde.

Gerhard Mumelter

Sie trägt den Namen Miss Kitty. Doch mit einer Miss hat die rosarote Terrakottafigur des Mailänder Künstlers Paolo wenig gemein. Die welken Brüste und das von einer rosa Spange gehaltene weiße Haar deuten auf ein gewisses Alter hin. Im Gesicht der halbnackten Figur mit weißen Seidenstrümpfen können Betrachter die Züge eines Mannes erkennen, der ebenfalls weiße Seide trägt – allerdings hochgeschlossen: Joseph Ratzinger, Papst. Seit wenigen Tagen schmückt die Skulptur das Amtszimmer des Mailänder Kulturstadtrats Vittorio Sgarbi. Der exzentrische Kunsthistoriker hat Miss Kitty gekauft, um sie einer Flut erregter Proteste zu entziehen. Die sahen in der von der Stadt Mailand veranstalteten Kunstschau „Vade retro. Kunst und Homosexualität“ ein untragbares Sündenbabel. Dass neben dem halbnackten Papst auch Jesus als Transsexueller zu sehen war, fanden Bürgermeisterin Letizia Moratti und weitere Vertreter ihrer Rechtskoalition nicht unterhaltsam.

Überraschend kam der Mailänder Eklat für die ehemalige Unterrichtsministerin kaum. Denn der 54-jährige Sgarbi kann auf eine beachtliche Zahl von Affären verweisen. Weil sein Arbeitsplatz im Denkmalamt Venedig meist verwaist war, wurde er 1996 zu einem halben Jahr Haft verurteilt. Sgarbis Kommentar: „Genies zur Einhaltung von Bürozeiten zu zwingen, ist pervers.“ 2002 musste er als Berlusconis Staatssekretär für Kultur zurücktreten – „wegen unüberbrückbarer Gegensätze“ mit seinem Minister. Im jüngsten Mailänder Kunstskandal gab sich Sgarbi zunächst lammfromm und ließ sich von der Bürgermeisterin Bedingungen diktieren: Entfernung der „blasphemischen“ Exponate, Einziehung der Kataloge, Jugendverbot für die Ausstellung. So erwarb der Kulturstadtrat Miss Kitty („Welch wunderbares Kunstwerk!“) , ließ den transsexuellen Jesus entfernen und 3500 Kataloge im Wert von 98 000 Euro einstampfen. Als ihm die Bürgermeisterin und ein paar beflissene Stadtratskollegen dann aber einen Katalog überreichten, in dem sie zehn weitere anrüchige Exponate rot markiert hatten, sah auch Sgarbi rot. Wenige Stunden vor der Eröffnung sagte er am Freitag die Ausstellung einfach ab. Sie werde in Neapel zu sehen sein – mit den von „Ordensschwester Letizia“ zensierten Werken. Auch ein Vermittlungsversuch Silvio Berlusconis konnte den Eklat nicht mehr abwenden. Moratti empfahl er, sich in Teheran als Bürgermeisterin zu bewerben. Aufforderungen, die Mailänder „Klerikerkoalition“ zu verlassen, wies der streitbare Stadtrat entrüstet zurück: „Ich habe mich selten so prächtig unterhalten.“

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