Darüber spricht ganz … : … Japan

Laura Santini erklärt die erneute Debatte über die Kriegsverbrecherprozesse nach dem Zweiten Weltkrieg

Laura Santini

Als Japans Premierminister Schinzo Abe kürzlich einen indischen Richter ehrte, der im Tokioer Kriegsverbrecherprozess über Japans Führungselite im Zweiten Weltkrieg urteilte, warfen Kritiker ihm vor, das Verhältnis zu Japans Nachbarn Südkorea und China zu gefährden. Der inzwischen verstorbene Radhabinod Pal war ein indischer Richter, den die alliierten Streitkräfte nach dem Krieg als einen von zwölf Richtern eingesetzt hatten, die den Prozessen in Tokio vorsaßen. Und er war damals der Einzige, der die oberste Führungsschicht Japans im Weltkrieg von dem Vorwurf freisprach, Kriegsverbrechen begangen zu haben. In seinem Minderheitenvotum tat Pal die Prozesse damals als „Siegerjustiz“ ab. Bei einem Staatsbesuch Anfang August in Indien lobte Abe Pals „noblen Geist des Mutes“ vor dem indischen Parlament. Er machte auch in Kalkutta halt, um dem 81-jährigen Sohn des Richters seine Ehre zu erweisen. Schließlich hatte das Gericht, dem Pal vorsaß, auch Abes Großvater, Nobusuke Kischi, freigesprochen, der als Kriegsverbrecher festgenommen worden war und es dann aber 1957 bis zum Premierminister Japans brachte.

Manche Blogger in Japan lobten Abe dafür, dass er Pal geehrt hatte. Die Japan Times sah das anders: „Eine wirklich verantwortliche und nach vorne schauende Außenpolitik sollte die gemeinsamen Interessen Japans und Indiens anerkennen, ohne andere Schlüsselstaaten in der Region zu verprellen“, meinte die Zeitung vor allem in Bezug auf China. Denn Pal ist längst zu einem Symbol für japanische Nationalisten geworden, ihm ist auch ein Monument im umstrittenen Jasukuni-Schrein in Tokio gewidmet, wo der Toten der Kriege Japans gedacht wird. Indische Historiker sind jedoch der Meinung, dass es Pal nicht so sehr darum gegangen sei, Japan von Verbrechen reinzuwaschen, sondern eher, Asien von den Kolonialmächten zu befreien. In Indien war er stets ein Anhänger des antikolonialen Kampfes gegen Großbritannien gewesen.

Japans Imperialismus im Zweiten Weltkrieg sorgt bis heute für politische Konflikte in Südostasien. China und Südkorea werfen den Japanern immer wieder vor, die Vergangenheit nicht ausreichend aufgearbeitet zu haben, etwa was die Massaker im chinesischen Nanking anbetrifft oder die als „Trostfrauen“ bezeichneten koreanischen Sexsklavinnen. Die jährlichen Besuche von Abes Vorgänger Koizumi im Jasukuni-Schrein sorgten so stets für Spannungen. Ein Grund vielleicht, warum Abe den Schrein bisher gemieden hat.

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