Darüber spricht ganz … : … Japan

Finn Mayer-Kuckuk über ungewöhnliche Zwangsmaßnahmen gegen Übergewichtige am Arbeitsplatz

Finn Mayer-Kuckuk

Japan führt Zwangsberatungen und Strafen für Dicke ein. Seit kurzem gilt ein Gesetz, dass die regelmäßige Messung des Taillenumfangs vorschreibt. Die Regierung in Tokio sorgt sich um die Volksgesundheit, denn in den vergangenen Jahren ist das Durchschnittsgewicht der Japaner angestiegen. Die Krankenversicherungen messen nun am Arbeitsplatz Körperdaten und schauen, wer der Definition des metablischen Syndroms entspricht. Wenn beim Mann das Maßband mehr als 85 Zentimeter umspannt, ist ein Verdächtiger gefunden. Für Frauen sind fünf Zentimeter mehr erlaubt. (In Deutschland liegt die Risikogrenze übrigens gut 20 Zentimeter darüber.) Wer beim Dicksein erwischt wird, erhält erst einmal Beratung über eine gesunde Lebensweise. Als Wiederholungstäter muss er sogar mit Nachteilen rechnen. Geplant ist auch ein Bußgeld für Arbeitgeber.

Genau genommen richtet sich das Gesetz nicht gegen alle Übergewichtigen, sondern nur gegen das „metabolische Syndrom“. Medizinisch gesehen meint das eine leichte Diabetes. Doch in der Diskussion kommt im Wesentlichen an: Die da oben führen das Bußgeld für Dicke ein! In Fernsehtalkshows kommen übergewichtige Männer zu Wort, die sich diskriminiert fühlen und ihr Recht auf frittiertes Huhn verteidigen. Die friedfertigen Japaner nehmen die neueste Gängelei jedoch grundsätzlich hin. Plötzlich reden alle übers Abnehmen. „Ich finde die Idee mit der Taillenmessung gar nicht so schlecht”, sagt ein japanischer Student. „Damit gibt die Regierung Leuten Rückenwind, die wirklich abnehmen wollen.”

Die Nahrungsmittelindustrie jubiliert und vermarktet mit aller Kraft Abnehmprodukte. Ein Fünftel des Bierverbrauchs entfiel in diesem Jahr auf zuckerfreie Sorten. Die Werbung suggeriert im Fernsehen, dass der Kunde getrost fettes Essen bestellen kann, wenn er dazu „Asahi Zero“ trinkt. Neben Diätbier sind vor allem Waren gefragt, die ein bisschen Magie versprechen. Beispielsweise eine chinesische Teespezialität mit einem hohen Gehalt der Substanz Polyphenol, die den Stoffwechsel in Schwung bringt. Der Hersteller wirbt auf Plakaten in der U-Bahn tatsächlich: „Und denken Sie an die Einführung der Taillenmessung!“

Bleibt die Frage, ob der ganze Zirkus für irgendwas gut ist. Als Deutscher würde man umgekehrt vielleicht sagen: „Ist doch prima, wenn die Japaner nicht mehr ganz so dürr daher kommen.“ Denn wer sich in Tokio umsieht, erblickt überwiegend magere Gestalten. Deutsche oder amerikanische Verhältnisse sind noch ganz, ganz weit entfernt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben