Darüber spricht ganz … : … Polen

Knut Krohn über den größten Basar Osteuropas – das Warschauer Nationalstadion.

Knut Krohn

Dieses Stadion war immer ein Symbol. Vor einem halben Jahrhundert stand es für den Aufbauwillen der Polen – inzwischen ist es zum steinernen Sinnbild für Streit, Korruption und Unfähigkeit der Regierenden geworden. Das „Stadion Dziesieciolecia“ liegt mitten in Warschau am östlichen Flussufer der Weichsel. Erstanden ist es aus dem Schutt der im Krieg zerstörten Stadt. Die Eröffnungsfeier fand 1955 zum zehnjährigen Jubiläum der Volksrepublik statt, was dem Bauwerk den Namen gab. Den letzten Höhepunkt erlebte das Stadion 1983, als Papst Johannes Paul II. eine Messe las. Danach war es dem Verfall anheim gegeben. Anfang der 90er Jahre entdeckten fliegende Händler das Stadion, das in den folgenden Jahren zum Symbol für den Geschäftssinn der Polen wurde. Schnell wurde aus dem Gelände der größte Basar Osteuropas – weit über 5000 Marktstände bildeten eine Sonderwirtschaftszone, die mehr umsetzte als die größten polnischen Industriebetriebe.

Doch das Stadion war ein Schandfleck, es repräsentierte das rückständige Polen – zumindest in den Augen der neuen Reichen. Die in Polen und der Ukraine stattfindende Fußball-EM 2012 schien die beste Gelegenheit, sich des Bauwerkes zu entledigen. Warschau soll ein neues „Nationalstadion“ bekommen. Kosten: eine Milliarde Zloty (rund 270 Millionen Euro). Die Summe sorgte für den ersten Unmut. Wieso wird die Arena mehr als doppelt so teuer wie die anderen EM-Stadien? Und woher kommt die benötigte Milliarde Zloty?

Antworten wurden keine gegeben, doch die Händler mussten das Stadion im Sommer räumen und wurden auf Alternativflächen in den Stadtteilen verteilt. Doch der erste Spaten war noch nicht in die Erde gerammt, da entflammte ein Streit zwischen der Stadt und den zuständigen Ministerien. Plötzlich sollte das neue EM-Stadion an anderer Stelle gebaut werden. Zur gleichen Zeit stockte der Ideenwettbewerb für die Architekten, Baufirmen, denen satte Aufträge zugedacht waren, verschwanden im Korruptionssumpf. Spötter wiesen darauf hin, dass das Projekt scheitern müsse, da alle polnischen Bauarbeiter im Ausland seien. Das „Nationalstadion“ wurde zum Sinnbild für das Versagen der Politik. Inzwischen haben sich die Verantwortlichen drauf geeinigt, dass die neue Arena doch auf dem Gelände des alten Stadions gebaut werden soll. Nun klagen die vertriebenen Händler, dass auf den Ersatzflächen am Stadtrand die Kunden ausblieben. Einige haben in diesen Tagen wieder provisorische Buden beim Stadion aufgebaut – ein Symbol polnischer Hartnäckigkeit.

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