Meinung : Das aktuelle Buch: Ein Liberaler als Ketzer

Stefan Reinecke

Dieses Buch, schreibt Gerd Koenen gleich im ersten Satz, ist "ein zweifelhaftes, wenn nicht unmögliches Unternehmen." Eine bescheidene, sympathische Einleitung. Denn Koenen, KBW-Kader in den 70ern, ist Zeitzeuge und Historiker - und die Historisierung der eigenen Geschichte ist stets gefährdet, als Verklärung oder Abrechnung zu enden. Das Buch ist eine materialreiche Studie, eine Analyse von Thesen und Selbstdarstellungen der 68er, eine ideologiekritische Fleißarbeit - stilsicher und eloquent geschrieben. Es könnte ein Buch sein, das die schlagwortfixierte Debatte um Joschka Fischers Vergangenheit versachlicht und erdet. Doch der Ton, der Abrechnungsgestus, stört.

Hier wird eine Geschichte im Abendlicht später Erkenntnis erzählt: Ein Liberaler blickt mit staunendem Erschrecken zurück auf 68 und die 70er, auf ein Trümmerfeld von Irrtümern, Sackgassen und Verblendungen. Die Bewegungen der 70er waren, laut Koenen, totalitär, eingebunkert in ein selbstgeschaffenes Getto, in eine abstrakte Gegenwelt, die man mit dem Begriff "Weltrevolution" chiffrierte. Die Unterschiede zwischen libertären Linken und K-Gruppen-Dogmatikern schmelzen dabei zusammen: Rudi Dutschkes Revolutions-Metaphorik erscheint hier ebenso abstrus wie der Ableitungsmarxismus der K-Gruppen. Eine Nivellierung, in der der Zeitzeuge KBW-Genosse über den Historiker siegt.

Die wesentliche Deutung der Revolte geht so: Die vielschattierte neue Linke lebte von "narzißtischen Selbstbeweisen und Größenphantasien". Sie war "fast autistisch", fern der bundesdeutschen Wirklichkeit, die sie einfach unter Faschismusverdacht stellte. Die Schuld der Eltern diente der zweiten Generation als Rechtfertigung eigener Militanz.

Die Gratismoral der Nachgeborenen geißelt Koenen zu Recht - und nicht als Erster. Aber das reicht nicht aus. Die militante Anklage der Jüngeren war auch das Echo auf das Schweigen, das in den 50ern in deutschen Wohnzimmern geherrscht hatte. Es war eine erzwungene Distanzierung - und eben nicht nur unverbindlicher "narzißtischer Gewinn" auf Kosten der Eltern. Das Schweigen zwischen den Generationen war beidseitig - offenbar konnte es in der auf Verdrängung gebauten Wohlstandsgesellschaft nicht anders sein. Viele 68er urteilten über ihre Eltern irrational und egoman. Aber ist das verwunderlich? Musste es nicht so sein? Wieso sollte ausgerechnet die zweite Generation eine rationale, abgeklärte Beziehung zu den Eltern haben?

Gewiss, die Politbewegung sprach einen merkwürdigen Theoriecode (auch das: eine Distanzgeste gegen die Eltern), verstieg sich in Antidemokratisches und brauchte ziemlich lange, um den Wert des Parlamentarismus zu entdecken. Aber war die ganze Revolte deshalb nur eine Einbildung, geboren aus den Ich-Defekten gelangweilter Bürgerkinder, die ihre eigenen Neurosen auf die Außenwelt projizierten? Hier liest es sich so. Nicht zufällig kommt der Vietnamkrieg nur am Rande vor. Der US-Terror in Vietnam war keine "narzißtische Phantasie". Vietnam war ein Schock - gerade für die bundesdeutsche Nachwuchselite, die in dem Glauben aufgewachsen war, dass die USA das Gute verkörperten. Ohne Vietnam lässt sich die 68er-Militanz und auch die RAF nicht verstehen - gerade weil die USA im westdeutschen Seelenhaushalt die Rolle des Über-Ichs spielten.

Misstrauisch macht schließlich die Energie, mit der der Autor, meist in Anmerkungen, Klaus Theweleit beschimpft. Theweleit ist "paranoid", "ein berserkerhafter Psychoapokalyptiker", jemand der unter "Zwangsgedanken" leidet. Oskar Negts Texte hält Koenen für "angestrengte Mentoren-Prosa". Beides ist mehr als der marktübliche Versuch, Konkurrenten im Kampf ums Deutungsmonopol um 68 aus dem Feld zu schlagen. Von Negt (und Alexander Kluge) und Theweleit stammen die kreativsten Post-68er Bücher: "Geschichte und Eigensinn" und "Männerphantasien". Das waren Versuche, anders zu denken, fern von der toten ML-Sprache, Versuche Psychoanalyse, Geschlechter, Strukturalismus zu einem anderen, körperlichen Begriff von Politik zu erweitern. In diesem Buch kommen sie nicht mal am Rande vor.

Als Maoist war Koenen blind für die intellektuellen Produktivkräfte der Bewegung, als Historiker ist er es noch immer. Der Angriff gegen Theweleit liest sich dabei wie eine Feinderklärung. Seltsam, dass Koenen, der aufgeklärte Liberale, nicht merkt, wie nahe er so dem Jargon von früher kommt.

"Das rote Jahrzehnt" bewertet die Bewegung vor allem anhand ihrer politischen Selbstzeugnisse und Texte. Manchmal entsteht dabei der Eindruck, dass Koenen der Bewegung einfach nicht verzeihen kann, dass sie nicht genauso klasse demokratisch war wie er heute. "Everything has his season" möchte man ihm manchmal zurufen.

Vor allem aber ist der Blick auf die Texte zu eng. Denn die "Weltrevolution" stand auf dem Papier - faktisch geschah ein Wertewandel, eine grundlegende Lockerung bundesdeutschen Alltagslebens: Es gab die ersten Kinderläden, die Idee des Antiautoritären (heute heißt das: flache Hierarchien), ein neues Verhältnis zwischen den Geschlechtern, die Alternativbewegung begann, der die Weltrevolution unter besonderer Berücksichtigung Albaniens ziemlich egal war. Davon erfährt man wenig - es passt nicht zum Abrechnungstremolo. So bleibt auch rätselhaft, wie aus dem Neurosentreibhaus "68" Impulse für eine Zivilisierung der Republik ausgehen konnten.

"Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977" heißt das Buch im Untertitel. Zu Unrecht. Nichts erfährt man hier über die "ästhetische Linke", den neuen deutschen Film, Wenders und Fassbinder, den Aufbruch im Theater, und die, immerhin kurzfristig, von der Polit-Rebellion infizierte Popkultur. Koenen bespöttelt wortreich den Wunderglauben der Bewegungen an Thesenpapiere und die "Schriftreligion" der 68er. Heute ist er ihr letzter Ketzer.

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