Meinung : Das Aktuelle Buch: Schachbrett Afghanistan

Christian Böhme

Gründungsmythen sagen viel aus über das Selbstverständnis einer Gruppe, vielleicht sogar über deren Erfolg. Was stand am Beginn des Siegeszugs der Taliban durch fast ganz Afghanistan? Es begann mit einer mehr oder weniger glaubwürdigen Geschichte aus dem Jahr 1994: Im Frühling kamen aufgebrachte Menschen aus dem Dorf Singesar nach Kandahar. Sie berichteten dem Führer der Taliban, Mullah Omar, ein Milizenchef habe zwei junge Mädchen entführt, ihnen den Kopf geschoren und sie geschändet. Omar suchte sich dreißig "Talibs" aus, und mit sechzehn Gewehren bewaffnet griffen sie das Militärlager an. Die jungen Koran-Schüler befreiten die Mädchen und hängten den Befehlshaber am Kanonenrohr eines Panzers auf. Sein Eingreifen begründete Omar später mit den Worten: "Wir kämpfen gegen fehlgeleitete Muslime. Sollten wir etwa ruhig mit ansehen, wie vor unseren Augen Verbrechen an Frauen und armen Leuten begangen werden?"

Keine sechs Jahre später beherrschten die Taliban weitgehend das zentralasiatische Land. Freilich entpuppten sich die vermeintlichen Heilsbringer im Kampf gegen Korruption und Verbrecher rasch als gnadenlose Bewacher eines staatlichen Territoriums, das sich für viele über Nacht in ein Gefängnis verwandelt hatte. Wie lange noch, das hängt vom Erfolg des Kriegszuges der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten ab.

Stammesehre und Wirtschaftsinteressen

Worauf sich die Amerikaner eingelassen haben, was sie dort erwartet, ist in dem soeben erschienenen, gut recherchierten Taliban-Buch des pakistanischen Journalisten Ahmed Rashid nachzulesen. Es ist der aufschlussreiche Bericht eines Insiders, der seit Jahren das Land bereist und beobachtet und mit den einflussreichen Politikern zum Teil mehrmals gesprochen hat: über den seit Jahrzehnten andauernden blutigen Kampf um Macht, Stammesehre und Wirtschaftsinteressen.

Es gab in den vergangenen Jahrzehnten keine Macht, die nicht versuchte, Einfluss in dem geopolitisch so wichtigen Land zu gewinnen. Briten, Türken, Chinesen, Iraner, Russen und Amerikaner: Alle wollten über ihre afghanischen Mittelsmänner mitmischen. Immer wieder wurden und werden lokale Machthaber von außen mit Geld und Waffen groß gemacht. Der Krieg als Alltag. Und sein Produkt sind die Taliban.

Einer der Hauptverantwortlichen für den Aufstieg der "Gotteskrieger" ist Pakistan. Treibstoff, Geld, Waffen und Militärberater - allen UN-Sanktionen und Protesten von Menschenrechtsorganisationen zum Trotz - versorgte Islamabad bis zum 11. September die Machthaber in Kabul mit fast allem. Gegen die Koranschulen an seiner Grenze, in denen die Taliban ihre Kämpfer rekrutieren, hat Pakistan bisher nichts unternommen. Aus außen- und innnenpolitischen Gründen. Denn ein abhängiges Ziehkind an der Regierung im Nachbarland sichert Einfluss. Gute Beziehungen zu Afghanistan bedeuten außerdem eine Trumpfkarte im Kaschmir-Konflikt mit Indien.

Zum anderen kann es sich das moslemische Pakistan mit Blick auf die innere Stabilität einfach nicht leisten, die Glaubensbrüder im westlichen Nachbarland vor den Kopf zu stoßen. Das stellt auch die Fundamentalisten in den eigenen Reihen ruhig. Vorerst. Denn Pakistan - da ist sich Rashid sicher - steht direkt am gefährlichen Abgrund einer islamischen Revolution, mit unabsehbaren Folgen.

Einfluss auf die Nachbarn

Wie kann es nach dem Krieg in Afghanistan weiter gehen? Eigentlich gar nicht, wenn man den düsteren Ausführungen des Journalisten über Afghanistans Zukunft folgt. Das Land existiert schon lange nicht mehr als lebensfähiges Staatsgefüge. Keine Infrastruktur, keine Verwaltung, keine von allen Volksgruppen anerkannte Regierung. "Afghanistan ist zersplittert: ethnisch, konfessionell, zwischen Stadt und Land, zwischen Menschen mit und ohne Schulbildung, Waffenbesitzern und Unbewaffneten." Deshalb muss nach Rashids Meinung die große Anstrengung nach dem Krieg auf die Stabilisierung der gesamten Region zielen. Nur die USA kommen dafür in Frage. Als einzige Weltmacht ist Washington imstande, Einfluss auf die Nachbarstaaten Afghanistans auszuüben, damit diese sich nicht mehr einmischen. Doch dafür bedarf es nach Rashids Auffassung weit mehr Einsatz als bisher. Jahrelang hätten die Vereinigten Staaten das Land praktisch ignoriert. Das müsse sich ändern. Solange es in Afghanistan keinen stabilen Frieden gibt, werden sich Terroristen von dort aus in unser Bewusstsein bomben - auch dann, wenn von Osama bin Laden keine Rede mehr sein sollte. Zudem droht die gesamte Region zu einem einzigen Unruheherd zu werden. Es steht also, schreibt Rashid, "viel auf dem Spiel". Auch für Washington und seine Mitstreiter, zu denen seit Dienstag auch die Deutschen gehören.

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