Meinung : Das Ausflippen, das gehört uns

Wir betrachten die Dinge mit jungen und alten Augen

Ihre Kerstin Kohlenberg

Lieber Hellmuth Karasek,

manchmal seid ihr ganz schön peinlich. Wenn ihr zum Beispiel den Partykeller noch mal so schmückt wie früher, und da drinnen dann „50 Jahre Rock!“ feiert. Schwitzen, schreien, Yeeeeaaaahhh, Yeeeeaaaahhh rufen, das solltet ihr echt sein lassen. Methusalem hin oder her. Ihr denkt wahrscheinlich, ey, das macht jung und das lassen wir uns nicht nehmen, Yeeeeaaaahhh. Aber wenn ihr zum tausendsten Mal davon erzählt, wie supi die Stones sind, wie doll ihr damals mit der Gerda geknutscht habt oder mit „Die-war-doch- vor-Mama“, dann ist das überhaupt nicht lässig, und das, nehme ich mal an, soll das Ganze doch sein?

Das Ausflippen, das gehört uns. Sorry, aber so ist das nun mal. Weil es größenwahnsinnig ist, überheblich und uns unsterblich macht. Macht ihr doch was anderes, es kann ja nicht sein, dass euch da nix einfällt. Ihr hattet doch 40 Jahre Zeit, euch was zu überlegen.Es kann nicht jeder Ozzy Osbourne sein.

Liebe Kerstin Kohlenberg, auch mir geht es ganz schön an die Nieren, wenn ich so etwas erlebe wie „50 Jahre Rock“, und ich erinnere mich noch, wie ich schon vor zehn Jahren meine Tochter in die Disco begleiten sollte und vom Türsteher gefragt wurde: Haben die vom Friedhof heute Ausgang?

Andererseits aber war ich vor einem Jahr bei einem Stones-Konzert und die alten Jungs hatten nicht nur uns Lust-Greise angezogen, sondern auch ungeheuer viele junge Fans. Wie ja überhaupt der musikalische Geschmack der Jungen von der Nostalgie lebt. Es wäre ja mit 50 Jahren Rock schon alles besser gewesen, wenn man nicht so täte, als seien die Puhdys und Scorpions wirklich der letzte Schrei und nicht schon damals secondhand gewesen. Ihr hattet ja 20 Jahre Zeit, euch was Neues zu überlegen, und was ist dabei herausgekommen? Na gut, HipHop und Techno. Abba da ist es kein Wunder, dass sich die Leute heute noch nach ABBA sehnen und der jungen Generation ihr Waterloo bereiten? Ihr Hellmuth Karasek

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