Meinung : Das Böse hinter der Stirn

Neurobiologen meinen, die Ursache der Gewalt zu kennen

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Von Alexander S. Kekulé

WAS WISSEN SCHAFFT

Aus der Psychiatrischen Uniklinik in Magdeburg kam vergangene Woche ein ungewöhnliches Plädoyer: Die 1976 gestorbene TopTerroristin Ulrike Meinhof soll aufgrund einer missglückten Hirnoperation möglicherweise unzurechnungsfähig gewesen sein. Kam die Journalistin, die wegen zahlreicher Morde vor Gericht stand, also nur durch den Fehler eines Neurologen auf die schiefe Bahn?

Die Idee von der biologischen Ursache des Bösen ist uralt: In der Seele des Menschen lauere ein gewalttätiger Mister Hyde, der durch den guten Doktor Jekyll in Schach gehalten werde. Doch waren die biologistischen Versuche der Nachkriegs-Psychiatrie, das Böse mit Elektroschocks, Kastrationen und Hirnoperationen zu exorzieren, bis vor kurzem – zu Recht – verpönt. Die Mehrheit der Psychiater war überzeugt, dass Aggression und Gewaltbereitschaft Folgen einer fehlgeleiteten psychosozialen Entwicklung seien. In jüngerer Zeit geht der Trend wieder in die andere Richtung. Die neuen Belege für eine neurobiologische Ursache der Aggressivität sind auf den ersten Blick frappierend: Mehrere Studien fanden bei rund 60 Prozent der untersuchten schweren Gewalttäter Hinweise auf abnorme Gehirnfunktionen.

Besonders häufig zeigten sich Mängel des Signalstoffes Serotonin und Störungen des – durch Serotonin aktivierten – „präfrontalen Kortex“. Dieser Teil der Hirnrinde direkt hinter den Augen kontrolliert die emotionalen Impulse aus dem „limbischen System“ in der Tiefe des Denkorgans. Patienten, deren präfrontaler Kortex geschädigt wurde, entwickelten eine mysteriöse Erkrankung, die „antisoziale Persönlichkeitsstörung“ (antisocial personality disorder, APD). APD-Patienten haben einen blinden Fleck im sozialen Bereich: Sie sind ungehemmt aggressiv, halten sich nicht an Gesetze und soziale Normen, lügen und betrügen ohne schlechtes Gewissen. Da sie für das Leiden anderer keinerlei Empathie empfinden, begehen einige APD-Patienten brutale Verbrechen ohne jede emotionale Regung. Anthony Hopkins alias Hannibal Lecter gab das Krankheitsbild, das zahlreichen Serienmördern zugerechnet wird, in dem Horrorstreifen „Das Schweigen der Lämmer“ detailgetreu wieder.

Der Neurobiologe Adrian Raine, einer der exponiertesten Verfechter der Biologie des Bösen, fand bei Mördern eine im Vergleich zur Normalbevölkerung verminderte Größe und Stoffwechselaktivität des präfrontalen Kortex. Raine schwärmt bereits davon, künftig Menschen mit APD bereits im Kindesalter zu identifizieren und mit einem Mikrochip im Hirn auf dem rechten Pfad zu halten. Ähnliches ist auf chemischem Wege bereits Realität: In den USA – und zunehmend auch in Europa – wird die Psychodroge Ritalin massenhaft verschrieben, um hyperaktive Kinder zahm und schulwillig zu machen. Ritalin aktiviert unter anderem die Wächterfunktion des präfrontalen Kortex.

Die Neurowissenschaften werden die Gesellschaft wohl vor ähnlich schwierige Fragen stellen wie die Gentechnik. Die komplexe Psychologie intelligenter Täter – zu denen Ulrike Meinhof zu rechnen ist – lässt sich mit der simplen Untersuchung des präfrontalen Kortex aber nicht erklären – das Böse ist eben vielfältiger als die Biologie.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Mikrobiologie an der Universität Halle. Foto: J.Peyer

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