Meinung : Das deutsche Drama

Noch sondieren Union und SPD, doch bald wird’s klar: Triumph, Blamage oder Krise?

Malte Lehming

Ist das ein erstes gutes Zeichen? Nichts dringt nach draußen. Alle halten sich fest an die Regel der Verschwiegenheit. Angela Merkel, Gerhard Schröder, Edmund Stoiber, Franz Müntefering: Sie wollen sich untereinander einigen, jedenfalls über Prinzipien und einige Personalien. Und je verschlossener die Entscheider, desto ungehemmter die Analysten. Wer mit wem, wofür und warum: Die Spekulationen nehmen kein Ende. Sicher aber ist nur, dass wir bald klarer sehen. Triumph, Blamage oder Krise? Die Spannung steigt.

Variante eins, der Triumph. Union und SPD koalieren, Merkel soll Kanzlerin werden. Dann ist ein kleines Wunder geschehen. Sie hat es geschafft! Wieder einmal. Hat ihre Kritiker eines Besseren belehrt, sich in den eigenen Reihen durchgeboxt und am Ende den Über-Kanzler besiegt. Sie! Die erste Frau im Amt und erste Ostdeutsche. Die jüngste Kanzlerin in der Geschichte der Bundesrepublik. Stets wird sie unterschätzt, sagen die, die sie kennen, das sei ihre größte Stärke. Wer die Macht hat, bestimmt die Richtlinien der Politik. Ist die Machtfrage geklärt, sind Haltungsfragen nebensächlich.

Gut möglich, dass die Union dafür bezahlt. Vielleicht bekommt der kleinere Partner für sein Jawort sogar relativ viel. Doch euphorisch sollte die SPD nicht werden. Schon einmal glaubte einer der ihren, er sei ein Gigant, unter dem ruhig ein anderer den Kanzler spielen könne. Das war 1998, der Möchtegerngigant hieß Oskar Lafontaine. Wir wissen, wie die Geschichte ausging.

Variante zwei, die Blamage. Union und SPD einigen sich, aber Merkel wird nicht Kanzlerin. Für die Christdemokraten wäre das ein Debakel. Merkels Beliebtheit mag begrenzt sein. Ihre Kompetenzwerte sind gering. Aber eine Partei, die sie erst zur Kanzlerkandidatin macht und nach der Wahl mit nordkoreanischen Prozentzahlen zur Fraktionsvorsitzenden wählt, die ihr Treue schwört und den Zusammenhalt preist, eine solche Partei darf nicht wanken. Sonst wird die Legende von der maskulinen Westdominanz der CDU verewigt. Ein kalter Putsch gegen Merkel? Das triebe der CDU viel Ehre aus.

Variante drei, die Krise. Union und SPD gehen im Streit auseinander, die Bildung einer großen Koalition, inzwischen von knapp zwei Dritteln der Deutschen gewollt, wird ausgeschlossen. Dann werden andere, unplausiblere Konstrukte revitalisiert, Jamaika oder die Ampel. Doch schon jetzt wird Deutschland seit Monaten auf Sparflamme regiert. In der Bevölkerung wie im europäischen Ausland setzt spürbar Nervosität ein. Falls die Volksparteien nicht miteinander koalitionsfähig sein sollten, würde aus Unverständnis schnell Ärger, aus Ärger schnell Wut. Die „da oben“ können es nicht, hieße das Lamento. Profitieren davon würden die Ränder.

Allerdings darf eine große Koalition kein Selbstzweck sein. Bestand wird sie nur haben, wenn sie ehrgeizig ist. Wichtiger als Personen sind Projekte. Merkel symbolisiere soziale Kälte, beklagen ihre Widersacher. Das stimmt zwar nicht, aber wohin will sie mit diesem Land? Im Wahlkampf hielt sie sich aus taktischen Gründen bedeckt. Diese Zeit ist vorbei. Sollte sich tatsächlich abzeichnen, dass sie ins Kanzleramt einzieht, stiege die Erwartung an eine inhaltliche Positionierung. Gewogen und für zu leicht befunden: Diesen Verdacht muss sie entkräften.

0 Kommentare

Neuester Kommentar