Meinung : Das Deutschland der Möglichkeiten

Weniger Sozialhilfe und mehr Lebenschancen für Einwanderer: Ein Blick nach Amerika täte der Integrationsdebatte gut

Claudia Keller

Wer hier lebt, 2000 Euro zahlt, bekommt einen deutschen Pass. Stellen Sie sich vor, die Bundeskanzlerin würde den 150 000 Flüchtlingen in Deutschland dieses Angebot machen. Ein unglaublicher Sturm der Entrüstung würde losbrechen. Nichts anderes aber hat George W. Bush vor kurzem vorgeschlagen, um den lange schwelenden Konflikt um die zwölf Millionen illegalen Einwanderer zu lösen: Wer fünf Jahre lang gesetzestreu in den USA lebt, 2000 Dollar Strafe zahlt, wird eingebürgert. Eine einfache, pragmatische Lösung. Sie wäre hier undenkbar.

Für 2000 Euro die deutsche Identität kaufen, wo käme man da hin. Lieber lässt man Menschen 10, 15 Jahre im Nirgendwo stehen, gewährt ihnen gnädig alle drei Monate eine Duldung, verbietet ihnen zu arbeiten und wundert sich dann, dass sie keine Zukunftsperspektive für sich und ihre Kinder entwickeln. Die meisten Eltern der Neuköllner Rütli-Schüler sind solche Flüchtlinge, die man am ausgestreckten Arm verhungern lässt, weil man hier lieber alles so lange ideologisch überfrachtet, bis keiner mehr weiter weiß.

Es ist erstaunlich, dass wir sonst so viel aus Amerika übernehmen, aber beim Thema Zuwanderung und Integration so wenig über den Atlantik blicken. Wo doch nun alle theoretisch begriffen haben, dass wir ein Einwanderungsland sind beziehungsweise werden wollen, oder – was die Gefühlslage vieler wohl eher trifft – werden wollen müssen. Wir könnten viel lernen vom Pragmatismus der Amerikaner, gerade auch, was das Verhältnis zu den Muslimen im eigenen Land angeht.

Denn wer hätte gedacht, dass ausgerechnet in dem Land, in dem die Anschläge am 11. September verübt wurden, die Mehrheit der Bevölkerung heute sogar eine positivere Einstellung zu den muslimischen Mitbürgern hat als vor 2001? Umfragen haben es mehrfach bewiesen. Sicher, die Attentäter kamen aus dem Ausland. Außerdem leben in den USA prozentual viel weniger Muslime als hier. Von den 300 Millionen Amerikanern glauben gerade mal drei bis sechs Millionen an Allah. Ein Großteil stammt aus einer anderen sozialen Schicht als die deutschen Muslime. Vieles lässt sich also nicht direkt vergleichen. Aber im Kern geht es hier wie dort um die Frage der Identität, darum, wer wir sind und wer wir sein wollen. Denn davon leitet sich ab, welche Perspektive wir den zugewanderten Türken, Arabern und Afrikanern geben.

Es ist nicht leicht, ins Einwanderungsland USA zu kommen. Aber wer einmal da ist, darf gleich arbeiten. Er muss auch gleich arbeiten, denn das soziale Polster ist dünn. Wer sich anstrengt, sein Auskommen selbst bestreitet und die Gesetze achtet, kann nach fünf Jahren den US-Pass beantragen. Er wird dann als Amerikaner wahrgenommen, egal, woher er kommt, wie intensiv er an welchen Gott glaubt und ob er sich einen Turban umbindet. Wie Bushs Vorschlag zeigt, sollen selbst diejenigen diese Aussicht erhalten, die auf krummen Wegen kamen. Dass die Neuankömmlinge Englisch lernen, versteht sich für die meisten von selbst. Ohne Englisch kein Job – und durch den Job ein besseres Englisch.

Die meisten Muslime, die Pakistani, Inder, Araber und Türken kamen in den 60er Jahren, viele als Studenten. Die amerikanische Verfassung bot ihnen mehr Freiheit und Aussicht auf sozialen Aufstieg als ihre Heimatländer. Sie siedelten sich in den großen Städten an der Ostküste an, im mittleren Westen in Chicago und um Detroit herum. Heute hat auch das texanische Houston mit 300 000 Mitgliedern eine der größten muslimischen Gemeinden, weil viele Arbeit in der Ölindustrie fanden. Ghettos und Parallelgesellschaften mit rein muslimischer Bevölkerung gibt es nicht. Die amerikanischen Muslime sind überdurchschnittlich gut ausgebildet und verdienen gut.

Die erste Generation in den 60er Jahren war mit Geldverdienen beschäftigt. Sie unterstützten ihre Familien in der Heimat – und waren „wahnsinnig stolz darauf, Amerikaner zu werden“, wie ein arabisch-stämmiger Arzt sagt, der seit 30 Jahren den amerikanischen Pass hat. Denn das bedeutete, sozial aufzusteigen. Ihre Kinder besannen sich wieder stärker auf die religiösen Traditionen, bauten Moscheen und organisierten Gemeindeleben. Daran störte sich niemand, denn auch die Gesellschaft um sie herum veränderte sich. Die 68er-Generation entwickelte einen Faible fürs Exotische. Dazu kam, dass Ende der 70er Jahre Spielfilme wie etwa „Roots“ daran erinnerten, dass zwar alle Amerikaner sind – aber mit unterschiedlichen Wurzeln. „Roots“ erzählte das Schicksal einer schwarzen Familie. Amerikaner arabischer Abstammung sagen, dass der Film wie ein Katalysator gewirkt habe. Bis heute gibt es zwar eine weiße, christlich dominierte Leitkultur, aber seit den 80er Jahren brauchte niemand mehr seine pakistanische, indische, afrikanische Herkunft zu leugnen. Erst von da an hätten sie sich akzeptiert gefühlt und seien wirklich angekommen, sagt der Leiter des Arab American Institute in Washington.

Am Beispiel von Kalifornien und den Spanisch sprechenden Zuwanderern aus Lateinamerika ist in letzter Zeit aber auch in den USA wieder eine Debatte darüber geführt, ob und inwieweit die weiße, englischsprachige Leitkultur wieder dominanter werden müsse.

Heute gibt es 2000 Moscheen und 300 private muslimische Ganztagsschulen, in denen die Kinder neben den normalen Schulfächern Arabisch lernen und Islamunterricht bekommen. Mädchen kommen mit Kopftüchern in die Schulen und müssen nicht mit den Jungen zusammen am Sportunterricht teilnehmen. Frauen tragen Kopftücher, egal, ob sie Lehrerinnen, Ärztinnen oder Richterinnen sind. Einen „Kopftuchstreit“ wie hier hat es nie gegeben. Passiert ein Mord, ist es Sache der Gerichte, herauszufinden, ob er aus Habgier oder für die Familienehre verübt wurde. Öffentlich diskutiert wird darüber nicht. Auch gab es noch nie Demonstrationen, wenn eine Moschee gebaut wurde.

Denn die Amerikaner sind an vieles gewöhnt. Durch die Trennung von Staat und Kirche kann jeder religiöse Symbole zur Schau tragen, wie er will. Rechtfertigen muss sich nicht derjenige, der seine Religiosität offensiv auslebt, sondern der, der an nichts glaubt. Umfragen zufolge würden Amerikaner eher einen Muslimen zum Präsidenten wählen als einen Atheisten.

Anders als in Deutschland verfügen amerikanische Muslime auch längst über professionell arbeitende Organisationen, die schon vor dem 11. September selbstverständliche Ansprechpartner für die Regierung sind. Sie haben erreicht, dass ein Teil der Sicherheitsgesetze, die nach dem 11. September hastig erlassen worden waren, wieder zurückgenommen wurden.

Dennoch wurden auch in den USA die Muslime in den vergangenen fünf Jahren zunehmend gegängelt. Es kommt vor, dass arabisch-stämmige Familien, die schon seit 20 Jahren einen amerikanischen Pass haben, am Flughafen verhört werden, wenn sie von einer Auslandsreise zurückkommen. Voll integrierte Personen werden auf einmal abgeschoben, weil irgendein Nachweis für die Arbeitserlaubnis fehlt. Vor dem 11. September hätte man einfach das Dokument nachgereicht. Immer weniger Studenten aus arabischen Ländern bekommen ein Visum.

Trotzdem sind die meisten Muslime in den USA immer noch der Meinung, dass Amerika „ein wunderbares Land“ ist und „das freieste, das es gibt“. Der 11. September war ein Weckruf für die Muslime, sagen viele. Während sie sich vorher nur um ihre eigenen Gemeindebelange kümmerten, gestalten nun immer mehr die Politik ihrer Städte und Kommunen mit, als Bürgermeister, als Mitglieder politischer Parteien. Vorbild sind die jüdischen Gemeinden. „Die sind auch nur eine kleine Minderheit, aber sie haben Einfluss. Das wollen wir nachmachen.“ Um zu demonstrieren, wie sehr ihnen aber gleichzeitig das Wohl aller Amerikaner am Herzen liegt, spendeten vergangenes Jahr viele muslimische Gemeinden die Erlöse aus dem Opferfest am Ende des Ramadan erstmals für wohltätige Zwecke, die allen zugute kommen, nicht nur Muslimen.

In Deutschland ist die Entwicklung anders verlaufen. Schließlich wurden die Anschläge vom 11. September in Hamburg vorbereitet. Und die Attentate in London, die von einheimischen britischen Muslimen ausgeführt wurden, haben abermals gezeigt, wie wenig zugewanderte Jugendliche in Europa angekommen sind. Und so verwandelte sich die jahrzehntelang gepflegte Ignoranz vieler Deutscher gegenüber hier lebenden Muslimen in Misstrauen und Angst. Seitdem schlägt die Stunde der Ideologen, die sich gerne als die neuen Realisten geben. Sie punkten bei den verängstigten Wählern mit immer neuen Katalogen von Forderungen an muslimische Einwanderer und drohen hilflos mit Abschiebung – auch wenn es sich wie im Fall der Familie Sürücü um deutsche Staatsbürger handelt.

Dadurch schlagen sie auch jenen jungen Männern und Frauen in den muslimischen Organisationen die Tür vor der Nase zu, die selbstbewusst, als muslimische Deutsche das Gespräch suchen und auf die Parteien zugehen. Diese Generation versucht, zum Teil gegen großen Widerstand der Älteren mit der Geheimniskrämerei ihrer Vorgänger aufzuräumen. Sie wollen frischen Wind in die Vereine bringen und holen sich Rat in den USA. Dass die Regierung sie zum geplanten Integrationsgipfel im Sommer einladen will, ist ein großer Schritt in die richtige Richtung. Umso unverständlicher ist, dass Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen ihr „Bündnis für Erziehung“ allein mit den Kirchen schließen will. Respekt, Toleranz und Menschenwürde, worum es bei dem Bündnis gehen soll, sind das nicht Werte, die alle Religionen verbinden?

Da die muslimischen Verbände keine Körperschaften des öffentlichen Rechts sind, kann die Regierung mit ihnen keine Staatsverträge wie mit den Kirchen abschließen. Warum dann nicht wenigstens, wie die Türkische Gemeinde vorschlägt, Bündnisse eingehen mit festen Abmachungen und Zielvorgaben für beide Seiten?

Die Amerikaner machen vor, dass die Perspektive, irgendwann dazuzugehören und sozial aufzusteigen, der Schlüssel zur Integration ist. Deshalb müssen auch wir den Zuwanderern signalisieren: Wer sich anstrengt, bekommt etwas zurück. Deshalb muss der Unsinn aufhören, dass Neuankömmlinge über Jahre von einer Duldung zur nächsten hangeln. Während dieser Zeit dürfen sie nicht arbeiten und leben von Hartz IV. Wie in den USA muss schnell entschieden werden, ob jemand bleiben darf oder nicht. Und wer bleibt und arbeiten kann, muss sein Auskommen selbst bestreiten. Klar ist: Wer zehn Jahre lang auf gepackten Koffern sitzt und vom Staat ernährt wird, macht keine Pläne für die Zukunft.

Wenn es um Gefühliges wie Identität und Zugehörigkeit geht, können kleine Gesten eine große Wirkung entfalten. Warum ist noch kein Bundespräsident auf die Idee gekommen, in seiner Neujahrsansprache ein paar türkische Worte einzuflechten, warum hat noch kein Bürgermeister symbolisch einen Tag mit den Muslimen beim Ramadan mitgefastet? In den USA werden Politiker, Unternehmer, Ärzte in die Schulen eingeladen, damit sie schon den Kleinen klar machen, dass sie später in ihrer Stadt, in der Firma, in der Klinik gebraucht werden. Für deutsche Ohren klingt das amerikanische Pathos bei solchen Gelegenheiten oft lächerlich. Aber gerade Kinder sind dafür empfänglich. Warum also nicht mit mehr Pathos und Gefühl um sie werben?

Der Berliner Schulsenator hat angekündigt, türkisch- und arabischstämmige Lehrer bei der Besetzung von Stellen zu bevorzugen. Das könnte man für eine bestimmte Zeit auch in anderen Berufszweigen machen und so lebende Beweise schaffen, dass sich Anstrengung lohnt.

Statt ideologischer Debatten, die wir mit viel Emotionen und wenig Erfolg über Jahre geführt haben, sind viele solcher pragmatischen Schritte nötig – und möglich. Dabei werden sich alle Beteiligten verändern, Integration ist ein dynamischer Prozess. Das macht vielen Angst. „In Amerika bekommen die Zuwanderer nicht nur einen Pass, sondern eine Identität“, sagt der Vorsitzende des Arab American Institutes in Washington. „Dadurch werden nicht nur wir Amerikaner, sondern Amerika wird auch ein bisschen wie wir.“ Die Veränderung aktiv zu gestalten, ist das beste Mittel gegen die Angst. Versuchen wir es doch.

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