Meinung : Das Ende der Demut

Wir wurden befreit, waren aber keine Befreier: Warum Schröder besser in Berlin bleibt

Robert von Rimscha

Wir können und müssen dankbar sein, dass es den D-Day gegeben hat. Die alliierte Landung in der Normandie, eine der größten logistischen und militärstrategischen Leistungen der Menschheitsgeschichte, leitete ebenso wie Stalingrad das Ende des Nationalsozialismus ein. Deutschland und die Deutschen wurden von jenem Totalitarismus befreit, den sie selbst in die Welt gesetzt hatten, den eigenständig zu überwinden sie aber nicht vermochten.

Nun will Gerhard Schröder im Sommer die 60. Wiederkehr der Landung zusammen mit den Siegermächten feiern. „Mit großer Freude“ nehme der Kanzler die Einladung an, sagt sein Sprecher. Eine Einladung, die Jacques Chirac zuvor mit London und Washington abstimmte. Die deutsche Teilnahme sei ein „Zeichen, dass sich die Zeiten tatsächlich gewandelt haben“, sagt Schröders Sprecher.

Nichts gegen den Wandel der Zeiten. Nichts gegen Versöhnung und Symbolpolitik, die eben dies zum Ausdruck bringt. Nur: Eignen wir uns am Omaha Beach, den Jüngeren bekannt seit Spielbergs „Saving Private Ryan“, nicht auch eine Geschichte an, die nicht die unsere ist?

Wäre es übertrieben, zu formulieren, dass hier Unbehagen bleibt: der Verdacht nämlich, Deutschland stehle sich aus seiner eigenen Geschichte fast so, wie es die DDR einst tat, als sie jede historische Verantwortung für die Nachfolge des nationalsozialistischen Deutschlands brüsk von sich wies? Nach 59 Jahren Läuterung sind wir reif für die Aufnahme ins Lager der Sieger – aber geht das so einfach?

1945 war beides, Befreiung und Niederlage. Offensichtlich wird am D-Day nicht des Niederlage-Teils gedacht, wenn Deutschland durch seinen Kanzler teilnimmt. Sondern ausschließlich der Befreiung. Da das Element der Befreiung langfristig jenes der Niederlage überlagert, ist dies zwar problematisch, aber noch nicht illegitim. Nur: Auch innerhalb des Bezugsrahmens der Befreiung ist eine Unterscheidung noch immer legitim – jene zwischen Befreiern und Befreiten.

Wir sind damals, von Jahr zu Jahr überwiegt dies, Befreite gewesen. Befreier waren wir nicht. Am D-Day feiern aber die Befreier ihren Mut, ihre Entschlossenheit und Opferbereitschaft. Es feiern vor allem die Erben Roosevelts und Churchills. De Gaulle hat den Franzosen den dritten Platz gesichert. Darf Gerhard Schröder, der für die Befreiung zu danken hat, gemeinsam mit den Befreiern feiern?

Es geht hier nicht darum, etwa nachzuweisen, warum Schröder keinesfalls fahren dürfte. Es bleibt aber ein schwieriges Unterfangen, ein einseitiges Geschichtsverständnis, ein ostentativ vorgetragenes Wandlungsbewusstsein, das da inszeniert wird.

Die Bundesregierung reduziert die Teilnahme auf ihren Stolz: Es sei doch eindrucksvoll, dass erstmals ein Bundeskanzler zum D-Day hinzugeladen werde. Auch wenn er da die Rolle des spät bekehrten Juniorpartners spielt. Zum 50. Jahrestag der Invasion, 1994, hätte Helmut Kohl sich durchaus auch eine Einladung besorgen können. Er tat es nicht. Dieser Wandel im deutschen Selbstbewusstsein ist die wahre Botschaft, die in der Schröder-Teilnahme steckt: Das Ende jeder Demut im Angesicht der Geschichte.

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