Das Ende der Grande Wirtschaftsnation : Siemens bietet in der Schlacht um Alstom

Die Franzosen legen besonders großen Wert auf ihre nationale Identität. Deshalb soll der Stolz ihrer Industrie nicht in amerikanische Hände fallen. Siemens könnte vom Protektionismus der Pariser Regierung profitieren.

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Alstom hätte sich gerne von GE kaufen lassen. Doch das ist nicht im Sinne der französischen Regierung.
Alstom hätte sich gerne von GE kaufen lassen. Doch das ist nicht im Sinne der französischen Regierung.Foto: AFP

Computer sucht man in Frankreich vergeblich. Auch Newsletter kann man bei unseren westlichen Nachbarn nicht abonnieren. Die Franzosen legen Wert auf ihre nationale Identität. Statt Newsletters verschickt man in Frankreich daher „lettres“ oder „bulletins d’information“, wer einen Computer kaufen will, muss nach einem „ordinateur“ fragen.

Ihre nationale Identität wollen die Franzosen auch in der Wirtschaft verteidigen. Egal ob Sozialisten oder Konservative an der Macht sind, der Elysée-Palast regiert mit. Großfusionen, Übernahmepläne – die Regierung redet mit.

Egal, wer an der Macht ist: Der Elysée-Palast regiert mit

Das bekommen jetzt auch Alstom und General Electric zu spüren. Die Amerikaner wollen den französischen Energie- und Bahntechnikkonzern übernehmen, die Franzosen wollen übernommen werden. Der Zusammenschluss macht aus Unternehmenssicht Sinn. Beide Konzerne ergänzen sich, zudem ist GE so gut aufgestellt, dass der US-Konzern Alstom eine solide Zukunft bieten kann. Die Papiere waren nahezu unterschriftsreif. Egal.

Siemens-Chef Joe Kaeser (vorne links), Christophe De Maistre von Siemens Frankreich (Mitte) und Siemens-Aufsichtsratchef Gerhard Cromme (rechts) nach dem Treffen mit Frankreichs Präsident Francois Hollande im Elyséepalast.
Siemens-Chef Joe Kaeser (vorne links), Christophe De Maistre von Siemens Frankreich (Mitte) und Siemens-Aufsichtsratchef Gerhard...Foto: dpa

Denn nach altem Muster grätscht die Regierung Hollande dazwischen. Sie will den Verkauf eines französischen Großunternehmens an die Amerikaner verhindern. Als Retter soll jetzt Siemens einspringen. Siemens reichte nach Regierungsangaben aus Paris am Dienstag ein Übernahmeangebot für Alstom ein.

Eine deutsch-französische Allianz schmeckt Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg eher als ein französisch-amerikanischer Deal. Dabei steht die Regierung unter Erfolgsdruck. Denn viele französische Konzerne haben sich in der vergangenen Zeit bereits ausländische Partner gesucht: Der Baustoffhersteller Lafarge will mit der Schweizer Holcim den weltgrößten Zementhersteller schmieden. Vivendi hat sich entschieden, seine Mediensparte an die Luxemburger Numéricable zu verkaufen und nicht an den Wunschkandidaten der Regierung, Bouygues. Bei Peugeot sind die Chinesen eingestiegen, peu à peu bröckelt die Grande Wirtschaftsnation. Ohnedies steht es um die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU nicht sonderlich gut. Die Schulden sind hoch, die Arbeitslosigkeit auch, und die Konjunktur kommt nicht in Schwung.

In Deutschland entscheiden Vorstände und Aufsichtsräte über Fusionen

Verglichen mit Frankreich steht Deutschland blendend da. Wohl auch, weil sich die Regierung in Unternehmensbelange kaum einmischt. Fusionen und Zusammenschlüsse werden in Deutschland von Vorständen und Aufsichtsräten entschieden – und von den Kartellbehörden geprüft. Dennoch hat natürlich auch Deutschland ein Interesse an einer starken Industrie und an großen, profitablen deutschen Unternehmen. Kein Wunder also, dass Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel die deutsch-französische Allianz begrüßen würde. Denn derzeit hängt GE Siemens bei Umsatz und Gewinn glatt ab. Wenn die Amerikaner über Alstom Zugang zu den auch für die Deutschen wichtigen Sektoren Energie und Verkehr bekämen, würde das den deutschen Konzern zusätzlich schwächen.

Was Siemens macht, ist eine Frage der Kalkulation. Je verzweifelter die Regierung Hollande ist, desto besser dürften die Konditionen für die Deutschen werden. Am Ende könnte Siemens und damit die deutsche Wirtschaft vom französischen Protektionismus profitieren. Merci, Monsieur Hollande.

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