Meinung : Das Ende der Nachkriegszeit

Symbol der Läuterung eines ganzen Volkes: Warum Schröder zu den D-Day-Feiern fahren sollte

Hans Monath

Gerhard Schröders Vater ist im Zweiten Weltkrieg gefallen, als Soldat der Wehrmacht. Wenn der Bundeskanzler im Juni zum 60. Jubiläum der Landung in der Normandie nach Frankreich reist, wird er bei der Feier über den Klippen des Ärmelkanals auch Veteranen der Alliierten begegnen. Wäre Schröders Vater Fritz im Westen eingesetzt gewesen, hätte er vielleicht auf die Menschen geschossen, die da ihren Sieg feiern.

Heute trennt die Deutschen mehr als eine Generation vom Nazi-Regime. Das Land, das Schröder repräsentiert, hat mit allen Nazi-Traditionen gebrochen, ohne die eigene Vergangenheit zu leugnen. Die Abkehr war gründlicher, als manchem lieb ist: Alles Militärische ist den Deutschen heute so suspekt, dass sie zu wenig Geld für Sicherheit ausgeben; die Machtbalance ist so fein austariert, dass eine Bundesregierung allein nur wenig bewegen kann; Stabilität im Sozialen gilt nach zwei Weltkriegen als so wichtig, dass jede Risikobereitschaft für Neuanfänge fehlt.

Dass der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung war, gehört heute zu den Grundüberzeugungen aller wichtigen politischen und gesellschaftlichen Kräfte in der Republik. Also ist der Besuch dort, wo im Juni 1944 Soldaten der Westalliierten einen Brückenkopf auf dem Kontinent errichten konnten, eine Gelegenheit, deren Opfer zu würdigen.

Deutschland profitierte vom Mut und von der Zähigkeit der Männer, die sich in der „Operation Overlord“ dem Feuer der deutschen Verteidigungsbatterien aussetzten. Denn durch die Eröffnung einer Westfront beschleunigten sie den militärischen Zusammenbruch des Nazi-Reichs. Viele Tausend verbluteten in Stacheldrahtverhauen oder ertranken in der Brandung. Wer heute von der Befreiung der Deutschen durch die Alliierten spricht, leugnet nicht, dass diese Botschaft für die Geschlagenen mühsam zu lernen war. Die Beschäftigung mit dem Luftkrieg gegen deutsche Städte hat genauso Konjunktur wie die Vertreibung von Millionen Deutschen aus dem Osten. Das beweist, wie vielschichtig die Erinnerung ist. Auch Trauer gehört zu dieser Erinnerung und ist berechtigt. Aber an jenem 6. Juni 1944 kam die Befreiung der Deutschen ein entscheidendes Stück voran. Dass Gerhard Schröder auf seinem Schreibtisch ein Foto seines Vaters stehen hat, auf dem der den Helm mit dem Hakenkreuz trägt, steht dazu nicht im Widerspruch. Gnädiger wäre es gewesen, wenn die Deutschen damals ihr Gewaltregime selbst gestürzt hätten. Da dies nicht gelang, war die militärische Niederlage des Reiches die einzige Alternative zur fortgesetzten Barbarei.

Ob die Einladung des deutschen Kanzlers die Gefühle der Veteranen aus den Befreiungsarmeen stört, haben allein die Siegermächte zu entscheiden. Zumindest die Franzosen glauben 60 Jahre nach der Invasion, es sei gut, die Deutschen nun dabei zu haben. Der Kanzler flieht in der Normandie nicht aus der deutschen Geschichte in die einer Siegernation. Er kommt als Vertreter seines Landes, das nach zwölf Jahren Gewaltherrschaft erst durch die Niederlage eine neue Chance erhielt. Es kann Schröders Landsleute nur freuen, dass die Siegermächte nun auch auf hoch symbolische Weise bekräftigen: Die Deutschen sind heute ganz andere. Weil sie, wie an diesem Tag im kommenden Juni, zu allen Facetten ihrer Geschichte stehen.

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