Meinung : Das Ende einer Illusion

Bosnien ist weit entfernt von einer multikulturellen Gesellschaft – für die Menschen zählt die ethnische Zugehörigkeit

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Von Gemma Pörzgen

In Bosnien war der Wahltag die Stunde der Wahrheit – auch für den Westen. Denn die Erfolge der nationalistischen Parteien der moslemischen, kroatischen und serbischen Bevölkerungsgruppen zeigen in aller Deutlichkeit, wie weit die Menschen von der europäischen Vision eines multiethnischen Staates entfernt sind. Identitätsstiftend ist für die meisten Bosnier unverändert die ethnische Zugehörigkeit und damit auch die Unterstützung für die alten Kriegsparteien. Nur wenige verstehen sich als bosnische Staatsbürger, die multiethnischen Sozialdemokraten mussten deshalb nach zweijähriger Regierungszeit Verluste einstecken.

Da hilft es auch nicht, dass der internationale Bosnien-Beauftragte Paddy Ashdown versucht, die Dinge schön zu reden. Er hatte in erstaunlicher Deutlichkeit zur Abstimmung aufgerufen: „Wir stehen vor einer klaren Wahl – Reform oder Scheitern“, stand in den Handzetteln für alle bosnischen Haushalte. Denn am Wahlausgang misst sich auch der Erfolg bzw. Misserfolg der internationalen Bosnien-Politik. Nun versucht man wieder einmal, die Situation zu verschleiern. Gelang es beim letzten Mal noch zwei westlichen Botschaftern ein Regierungsbündnis gegen die Nationalisten zu schmieden, führt diesmal vermutlich an einer von Nationalisten geführten Koalitionsregierung kein Weg mehr vorbei. Für die ohnehin schleppende Reformpolitik ist das ein klarer Rückschlag.

Natürlich sind auch außenpolitische Faktoren für den Wahlausgang verantwortlich: So stimmten erstmals die moslemischen Wähler mehrheitlich für die nationalistische SDA. Sie reagieren damit auch auf den weltweiten Stimmungsumschwung nach dem 11. September 2001 und dem neuen vermeintlich anti-islamistischen Kurs der USA. Als Folge identifizierten sich die eher moderaten bosnischen Moslems stärker mit nationalistischen Parolen. Auch Äußerungen des jugoslawischen Präsidenten Vojislav Kostunica, welche die langfristige Zugehörigkeit der bosnischen Serbenrepublik zu Bosnien-Herzegowina in Frage stellen, haben bei den Moslems alte Ängste vor den früheren Kriegsgegnern in Belgrad geweckt.

Ashdown steht nun vor einem Dilemma. Einerseits hat er den internationalen Auftrag, die Verantwortung möglichst schnell an die bosnischen Politiker abzugeben und den Einfluss seiner Protektoratsbehörde stärker abzubauen. Andererseits werden sich bei den neuen Konstellationen schwer Partner finden, die konstruktiv zusammenarbeiten und das Land eigenständig in Richtung Europäische Union führen können. Auch für die wenigen Investoren, die das ruinierte Land so dringend benötigt, ist das Wahlergebnis sicher das falsche Signal.

Die vielen Nichtwähler haben ihrem Land keinen Gefallen getan. Die meisten blieben den Urnen fern, weil sie keinem der einheimischen Politiker die Bewältigung der Probleme zutrauen. Dabei ist es sieben Jahre nach Kriegsende höchste Zeit, dass die Bosnier selbst mehr Verantwortung für das Schicksal ihres Landes übernehmen, statt auf die Entscheidungen des Bosnien-Beauftragten und die Wünsche des Westens zu warten.

Es ist ein verhängnisvoller Teufelskreis von Entmündigung und Apathie, der die internationale Gemeinschaft noch lange an Bosnien binden wird. Andererseits sinkt die Bereitschaft für die auch finanziell hohen Kosten des Bosnien-Engagements – keine guten Aussichten für das Land.

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