Meinung : Das Ende eines Wunders

Zum Aufstieg und Fall des Klonschafs Dolly

Hartmut Wewetzer

Dolly kannte jeder. Das erste Klonschaf der Welt wurde schnell berühmt, weil seine Existenz an ein Wunder grenzte. Ein Tier, das die genetische Kopie eines bereits verstorbenen anderen Lebewesens darstellte. So etwas hatte es noch nicht gegeben. War es nun möglich, jeden Menschen beliebig oft zu kopieren und uns so unserer Einmaligkeit zu berauben? Jesus, Marilyn Monroe, Hitler – alle wieder auf der Bühne des Lebens, vielleicht sogar in dreifacher Ausfertigung?

Dolly verlieh der Phantasie Flügel. Science- Fiction wurde Wirklichkeit. Man brauchte gar nicht lange zu warten, und schon trat so mancher Möchtegern-Frankenstein vor die Mikrophone. Zuletzt war es die Ufo-Sekte der Raelianer, die im Dezember 2002 die Öffentlichkeit mit der Behauptung in Aufruhr versetzte, sie habe ein Menschenkind namens „Eve“ geklont. Beweise? Fehlanzeige.

Währenddessen machte Dolly einfach mäh. Aber sie konnte noch so unschuldig aus der Wolle sehen, manche sahen in ihr doch den Wolf im Schafspelz. Den Boten eines neuen Zeitalters der schrankenlosen biotechnischen Machbarkeit. Seit Dolly wissen alle, was ein Klon ist. Oder glauben es zu wissen. Das Wort ist in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Dollys früher Tod aber zeigt, dass die biotechnische Machbarkeit ihre vorerst noch ziemlich engen Grenzen hat. Es ist durchaus denkbar, dass das Tier schon alt zur Welt kam. Weil sein genetisches Material nicht aus dem Jungbrunnen der Keimdrüsen stammte, sondern aus einer ausgewachsenen Zelle eines sechs Jahre alten Tieres. Vielleicht altern Klone so schneller. Ein Argument gegen das Menschenklonen – wenn es noch eines weiteren bedurfte.

Klonen ist die Antwort. Aber was war die Frage? So könnte man einen Anti-Gentechnik-Kalauer abwandeln. Tatsächlich verdeckt der Rummel um das Kopieren von Menschen die nach wie vor immensen technischen Probleme des Dolly-Verfahrens. Klonen ist kompliziert, ein Glücksspiel wider die Natur. Bei vielen Tierarten schlägt es fehl. Gelingt es, ist die Ausbeute sehr gering.

Klonen à la Dolly ist aufwendig und teuer, die Ergebnisse sind ungewiss. Warum also sollte man überhaupt Tiere klonen? Natürlich wird die Frage, warum Dolly trotz aller Voraussagen überhaupt möglich war, die Wissenschaft noch beschäftigen. Aber die Tierzucht kommt ganz gut ohne die Methode aus. Selbst die Entwicklung von genetisch veränderten Schafen, Ziegen oder Rindern, die mit ihrer Milch medizinisch nutzbare Proteine geben oder die zur Organtransplantation dienen sollen, ist auf erwachsene Tiere als Zellspender nicht angewiesen.

Es könnte also sein, dass die Dollys dieser Welt allmählich wieder aussterben. Wenn man im Zeitalter der Klone noch aussterben kann.

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