Meinung : Das Fest der Lieben

Weihnachten haben Scheidungskinder eine besondere Sehnsucht nach dem fehlenden Elternteil – für Patchwork-Familien ein Problem

Ingo Wolff

Vielleicht fällt ja doch noch Schnee an Heiligabend, so wie vor einigen Jahren, als die Welt noch in Ordnung war. Antonia hätte ihre Freude daran. Die Sechsjährige würde wie ein blonder Rauscheengel durch die Nacht hüpfen und jede Schneeflocke einzeln begrüßen. Ihr roter Schal würde im Licht der Gartenlampen leuchten, und die Großeltern würden mit Tränen in den Augen durch die Terrassenfenster blicken.

Nur ihr Vater Max hätte wenig übrig für das Besinnliche. Er würde ganz unheilig fluchen: auf den Schnee und die fehlenden Schneeschieber, die lieber mit ihrer Familie – so sie denn eine haben – unter dem Tannenbaum sitzen, als für die vielen Weihnachtspendler hier in den Vororten den Schnee aus dem Weg zu räumen.

Max wäre also gar nicht böse, wenn die Wetterforscher Recht behalten und es diesmal keine weiße Weihnacht gibt. Denn er muss an Heiligabend weiter. Spätestens um sieben. Er gehört seit diesem Jahr zu den so genannten PWWPlern: den Patchwork-Weihnachtspendlern. Er muss Antonia bei ihrer Mutter und den anderen Großeltern in der Innenstadt abliefern, eine Stunde dort bleiben und dann weiter zu Nele. Nele ist Max neue Freundin, sie möchte auf Max schon deshalb nicht verzichten, weil Luis sehnsüchtig auf ihn wartet. Luis ist sechs und nennt Max liebevoll seinen Co-Vater. Außerdem hat Nele zwangsläufig in diesem Jahr auf Luis richtigen Vater verzichtet, weil der nämlich unerkannt bei ihnen Weihnachtsmann spielen soll – und dann schnell wieder zu seiner neuen Freundin und der gemeinsamen Tochter muss.

Eigentlich wollte auch Luis unbedingt mit Antonia feiern. Aber Nele und Kathrin passen zusammen wie zwei linke Schuhe. Das Fest würde als Zickenzauber enden. Also pendelt Max in der heiligen Nacht zwischen den Welten. Schnee könnte das zerbrechliche Zeitgerüst der Familienfeier erheblich ins Rutschen bringen.

Weihnachten ist eine organisatorische Herausforderung für Patchworker. Und eine seelische Schmach. Selbst der unchristlichste Liberale spürt zu Weihnachten das Bedürfnis nach einer eigenen Familie. Achtzig Prozent der Deutschen wünschen sich noch immer deren klassische Form: Kindsvater, Kindsmutter, Kind – oder auch mehr als eins.

Jedes Jahr zu Weihnachten bricht diese Sehnsucht offen hervor. Selbst der rebellische 68er und der hartherzige Eigenbrötler feiern Weihnachten am liebsten im Kreis der „engen Familie“. Doch was tun, wenn das partout nicht machbar ist, weil Mama und Papa nicht mehr miteinander wohnen? Und die Neue mit der Ex nicht kann, deren Kinder aber auch mit Mama und Papa feiern wollen? Ein Dilemma, ausgerechnet am Fest der Familie.

Patchwork – das sind Familien wie Flickenteppiche. Bunt zusammengestellt, nicht immer sauber vernäht und doch ein Lichtblick für einen Raum, in dem sonst Leere herrschen würde. Aber was sich so liebevoll anhört, wird in der Weihnachtszeit zum Fluch. Je komplizierter die Patchwork-Verhältnisse, desto umständlicher die Weihnachtsfeier.

Gratulieren darf sich, wer die Frage: „Wo feierst du Heiligabend?“ spontan mit: „bei meiner Familie zu Hause“ beantworten kann: Er gehört zur Mehrheit. Die gelebte Wirklichkeit entspricht noch immer dem Wunsch nach der Institution Familie. Vier von fünf Kindern unter 14 Jahren in Deutschland leben mit ihren leiblichen Eltern zusammen.

Dagegen stehen eineinhalb bis zweieinhalb Millionen Patchworkfamilien. So genau weiß man das nicht. Denn neben den 10,3 Millionen verheirateten Paaren ziehen 2,4 Millionen Alleinerziehende ihren Nachwuchs groß, mit mehr oder minder festem Partner. Gerade bei diesen Lebensgemeinschaften ist die Abgrenzung zur echten Familie schwer. Für Kinder macht es oft keinen Unterschied, sie müssen sich in jedem Fall mit einem neuen Partner arrangieren.

15 Prozent Patchwork-Anteil an den Familien in Deutschland, das ist noch kein Massenphänomen, aber der Trend ist steigend. Besonders seit der Wiedervereinigung, weil in den neuen Bundesländern die Rolle der Frau und der Ehe eine andere Bedeutung hat. Dort liegt die Zahl der Mixfamilien inzwischen bei 30 Prozent, jedes zweite Kind wird vorehelich geboren.

Die vielen Artikel über die Krise der Institution Familie: Ist das womöglich nur eine von den Medien kreierte Wirklichkeit, die von der Lebensrealität der Mehrheit abweicht? Weil Journalisten und ihre Umgebung überdurchschnittlich oft selbst betroffen sind? Patchwork ist vor allem ein Phänomen in den Metropolen, in den gebildeten und wohlhabenden Schichten, weniger in ländlichen Regionen.

Nach einer aktuellen Umfrage glaubt mehr als die Hälfte der Deutschen, dass der Familienzusammenhalt in unserer Gesellschaft schwächer wird. Die Zahlen sprechen dagegen. Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft zerfällt nicht, sie verändert aber ihre Formen, entwickelt sich weiter.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sinkt die Zahl der Eheschließungen und die Zahl der Scheidungen ist stetig gestiegen. Aber das betrifft vor allem Ehen mit einem Kind oder ohne Kinder. Zweieinhalb Millionen Menschen ziehen ihre Kinder ohne zweiten Elternteil groß. Ein Fünftel haben ihren Partner schon vor der Geburt verlassen. Zwei von drei Alleinerziehenden haben nur ein Kind. Die Gefahr, dass eine Ehe ohne Kinder scheitert, gerade in den ersten Jahren, ist um ein Vielfaches höher. Jede dritte Ehe in Deutschland wird geschieden, jedes Jahr trennen sich eine halbe Million Ehepaare. Die Zahl der beendeten Partnerschaften ohne Trauschein mit gemeinsamem Kind ist da noch nicht eingerechnet.

Die Akzeptanz der Patchwork- Familien ist in den letzten Jahren gewachsen. In der Kinderzeit der Generation Golf wurden Scheidungskinder noch gehänselt. Heute werden sie als Teil des gängigen Alltags anerkannt. Das hängt auch mit einem veränderten Eheverständnis zusammen: Vor einem halben Jahrhundert meinte noch ein Drittel der Deutschen, eine unglückliche Ehe müsse der Kinder wegen bestehen bleiben. Heute denken das sieben Prozent.

Selbst bunteste Formen des Zusammenlebens gibt es, auch in Berlin. Dieter ist 64. Seine Frau Jutta hat drei Kinder mit in die Ehe gebracht, zwei vom ersten, eines vom zweiten Ehemann. Dieter und Jutta haben auch zwei gemeinsame Kinder. Hinzu kommen vier Pflegekinder, eines davon behindert. Ein Kind ist nach mehreren gemeinsamen Jahren allerdings wieder zurückgekehrt zu den eigenen Eltern. Und wo wird Weihnachten gefeiert? Natürlich zu Hause mit den inzwischen zahlreichen Enkeln. Und wo ist das – zu Hause? Alle Kinder, von wem sie auch stammen, empfinden das eine Haus in Neukölln als ihr Zuhause.

Seit der Abschaffung des Schuldprinzips ist Scheidung zu einem Massenphänomen geworden. Jedes Jahr müssen 150 000 ehelich geborene Kinder daheim ohne ihren leiblichen Vater auskommen. Doch Kinder brauchen Väter, was viele mitunter nur mühsam erkennen. Die Zeiten, in denen die Stiefmutter als böse Hexe galt, sind noch nicht vorbei. Viele Ex-Partner projizieren allen Frust nach dem Verlassenwerden auf den neuen Partner, die neue Partnerin des/der Ex. Oder „auf den Vater, den Versager“, der die Familie verlassen hat. Nur selten bleiben die Kinder von diesen Gefühlen unberührt.

Doch es scheint, dass die Zahl der Verbindungen, die sich zum Familienglück im zweiten Anlauf entwickeln, steigt. Beispiele für komplizierte, aber funktionierende Patchworkfamilien gibt es im bildungsstarken und sozialliberalen Milieu. Die 68er haben es vorgemacht. Das Modell breitet sich aus, weil auch die klassische Familie oft nicht hält, was sich der Gesetzgeber von ihr verspricht. Ohnehin ist die intakte Kleinfamilie über drei, vier Generationen ein junges Phänomen. Stieffamilien waren früher keine Seltenheit, aufgrund der hohen Müttersterblichkeit und wegen der in Kriegen gefallenen Väter.

Die Auflösung traditioneller familiärer Bindungen und die daraus folgenden Ein-Eltern-Haushalte werfen nach Untersuchungen von US-Forschern zunächst Probleme auf. So ist das Risiko für Mädchen aus einer zerbrochenen Familie der Mittelschicht vielfach höher, schon als Teenager schwanger zu werden und vorzeitig die Schule abzubrechen. In fast allen untersuchten Fällen fehlt den Kindern der Vater. In Deutschland hat die Hälfte der Väter, die ihre Familie verlassen, nach jüngsten Umfragen nach zwei Jahren nur noch wenig Kontakt zu ihren Kindern.

Entvaterung muss jedoch kein unlösbares Problem sein, wenn beide Eltern nach der Trennung den Paragrafen 18 der UN-Kinderrechtskonvention befolgen: „dass beide Eltern gemeinsam für die Erziehung und Entwicklung des Kindes verantwortlich sind“. Dessen Wohl muss nach der Trennung das Anliegen sein. Patchwork-Familien sind eine Möglichkeit. Geschiedene müssen nicht mehr mit Ächtung durch die Gesellschaft rechnen. Eine erfolgreiche neue Bindung kann den Scheidungskindern die bei ihnen später häufig auftretende eigene Bindungsangst nehmen.

Wenn es gut läuft, dann können Toleranz und Respekt vor den neuen Familienmitgliedern sogar zu einer Stärke des Patchwork-Modells werden. Dazu gehört es vor allem, dass die Eltern – vor allem die Väter – ihre Rolle auch nach der Trennung weiter ernst nehmen. Dann bietet Patchwork durchaus Chancen für Co-Kinder, Neu- Väter und Teilzeit-Mütter. Allerdings ergeben sich die neuen Bindungen selten aus Rücksicht auf die Kinder – sondern eher aus einer neuen Liebe der Erwachsenen. Die eventuellen Vorteile der neuen Großfamilie kommen als ungeplantes Nebenprodukt hinzu: Mobilität, wechselnde Bezugspersonen, Respekt vor nicht blutsverwandten Menschen, das Leben in unterschiedlichen Welten. Patchwork ist auch die schnellste Variante für Kids, neue Geschwister zum Spielen zu finden.

Patchwork verlangt allerdings eine verstärkte Zuwendung der neu hinzukommenden Eltern zu den Kindern. Ihr Lebensraum wird quasi über Nacht neu aufgeteilt, besonders wenn Geschwister neu ins Haus kommen. Sprüche wie: „Du bist nicht meine Mutter, du hast mir gar nichts zu sagen“, sind irgendwann in jeder Stieffamilie zu hören. Was sich auch positiv wenden lässt: Im Schul- und Arbeitsleben müssen Kinder später auch Anweisungen von familienfremden Personen befolgen. Für Frauen kann die größere Familie einen besonderen Vorteil haben: je mehr Personen dazugehören und mit Verantwortung übernehmen können, desto mehr Freiraum bietet sich ihnen für die Selbstverwirklichung.

Nicht immer gelingt die Familienfusion. Die psychologischen Folgen für Kinder aus Patchwork-Familien sind noch nicht ausreichend erforscht, Langzeitstudien erst in den Anfängen. Bislang haben sich Soziologen und Psychologen vorrangig auf die Probleme von Trennungs- und Waisenkindern konzentriert. Aber die wissenschaftliche Bearbeitung wird zunehmen, denn immer mehr Geschiedene gehen wieder eine neue Beziehung ein.

Dabei wird allerdings oft verdrängt, dass eine neue Bindung nicht automatisch die Altlasten aus der ersten Ehe entsorgt. Nach Beobachtungen von Familienpsychologen dauert es im Normalfall drei bis fünf Jahre, ehe alle Probleme der neuen Mixfamilie gelöst sind.

Andererseits verbinden zwei Erwachsene mit gescheiterten Lebensentwürfen mit der neuen Liebe die Hoffnung und den Willen, dieses Mal alles besser zu machen. Eines freilich können sie selbst mit diesem guten Vorsatz nicht verhindern: Der Liebeskummer eines Kindes nach dem Verlust eines Elternteils wird immer bleiben, den richtigen Papa, die richtige Mama kann niemand ersetzen. Schon gar nicht an Weihnachten.

Noch im Sommer stand Antonia an der Ostsee und staunte nicht schlecht über einen sechzehnjährigen Jungen, der innig mit seiner vierjährigen Neu-Schwester eine Sandburg baute. Ein Flickenteppich am Strand. Damals mussten ihr die Eltern noch erklären, warum das Mädchen Papa zum Papa sagt, der Junge aber nicht. Verstanden hat sie das damals nicht.

Heute, sechs Monate später, ist Antonia selbst zerrissen. Zerrissen von den Gefühlen der Trennung. Die werden spätestens an Weihnachten wieder hochkommen. Dann, wenn Max schon um acht wieder den Mantel anzieht und Antonia ihn fragt: „Warum gehst du denn jetzt? Es hat doch geschneit und wir können den neuen Schlitten ausprobieren.“ Doch Max muss weiter, die Patchwork-Verhältnisse wollen es so.

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