Meinung : Das fliegende Klassenzimmer

„Jeder hat etwas zu melden“

vom 16. Januar

Abgesehen von der Kampagne gegen Frau Sarrazin durch einige Elternvertreter und bestimmte Kreise, offenbar weil sie die Frau von Thilo Sarrazin ist und noch Leistung etc. verlangt, sich – auch von Eltern – nicht alles bieten lässt, und 2. einer gegen Schule eingestellten Behörde: Der Artikel zeigt: Unter solchen Voraussetzungen ist Schule nicht mehr möglich! Was muten wir eigentlich unseren Lehrerinnen/Lehrern zu? Schule wird heute ohnehin als Reparaturbetrieb für alle Defizite in Staat, Politik, Gesellschaft (incl. der Erziehungsdefizite) „missbraucht“. Wundert es, dass Lehrer für alle Schularten fehlen? Wer tut sich das noch an? Das ist ein Knochenjob! Andere Berufe sind erheblich weniger stressig und besser bezahlt. Bei Schule glaubt jeder reinreden zu können, vieles ist widersprüchlich, ständig wechseln die Vorgaben! Bei eigenen Versäumnissen der Eltern und/oder wenn es beim Sprössling nicht klappt, soll Schule schuld sein, Lehrer werden mit falschen Behauptungen angegriffen, bei Noten unter Druck gesetzt, es wird mit dem Anwalt gedroht! Der Staat hat eine Fürsorgepflicht für seine Lehrer, auch der Berliner Senat; die Politik muss sich endlich vor die Lehrerschaft stellen!

Dr. iur. Gabriele Wurzel,

Staatssekretärin a.D. , Wachtberg

Norbert Elias hat in seinem Werk „Der Prozess der Zivilisation“ (erschienen 1939) typische Wesensmerkmale der Deutschen herausgearbeitet. Neben anderen wichtigen Merkmalen war für den Soziologen Elias „die Sau ’rauslassen“ eine typische Willensäußerung vieler Deutscher. Geht man etwas aufmerksam durch die (deutsche) Welt, dürfte sich wenig in den letzten 70 Jahren bei den Deutschen geändert haben. Sowohl bei den Eltern wie auch bei den Lehrern könnte es größere Anteile derer geben, die gerne „die Sau ’rauslassen“. Ich möchte mich im Weiteren auf die Elternschaft beschränken. In diesem Zusammenhang ist es nicht auszuschließen, dass ein nicht unerheblicher Teil der Konflikte darin ihre Ursache haben, dass Eltern ihre persönliche Frustrationen an ihren Kinder ausleben. Dabei wird möglicherweise billigend in Kauf genommen, dass Personen, wie Lehrer, in Mitleidenschaft gezogen werden. Ich selbst habe erlebt, wie eine Mutter in Gegenwart ihrer zwei Töchter (Schülerinnen an einer Grundschule) über „diese Idioten“ von Lehrern geschimpft hat. Beruf dieser Frau: Erzieherin in einem Kindergarten.

Anton Kulmus,

Berlin-Reinickendorf

Interessant, dass es im Schulbereich heute ähnlich zugeht wie in der freien Wirtschaft. Beim einen sind es hier die Eltern (überengagiert oder bildungsfern), beim anderen die Mitarbeiter, zum einen sind die Gesetze/Empfehlungen und Rahmenvorgaben, zum anderen die Betriebsstruktur – hinzu kommen übertriebene Rechtfertigungsansprüche von allen Seiten. Wen wundert es, wenn Burnout zunimmt, wenn zusätzlich zum Beruf psychosoziale Arbeit geleistet muss, die den Einzelnen im Arbeitsalltag überfordert. Wo bleibt dann der einzelne Mensch – in dem Fall der/die Lehrer?

H. und N. Nimmrot, Potsdam

Man kann die Probleme, die sich heute in den Schulen auftun, symptomatisch zu kurieren versuchen. Dazu gehört die Frage: Wie viel Mitsprache haben Eltern? Welche Weiterbildung für Lehrer usw. Aber das geht nicht an den Kern der Sache. Die Heftigkeit, mit der gestritten wird, lässt sich nur erklären mit Angst. Wenn es nur Sorge für das Kindeswohl wäre, wäre es nicht so emotional. Nein, es geht um Angst, und die wird erzeugt durch den Konkurrenzdruck, dem jetzt auch schon Schulen nach dem erklärten Willen des Schulsenators unterworfen werden. Konkurrenz bewirkt Auslese und Aussondern. Darum erzeugt Konkurrenz Angst bei Eltern und Schülern. Ausbaden müssen es die Lehrer. Konkurrenz und Angst kann vielleicht der Anhäufung von Wissen nützen; das hat die Schule schon immer geleistet. Aber sie ist der Tod von Bildung als eines Geschehens, das den ganzen Menschen bildet. Und die ist nur in einem möglichst angstfreien Raum möglich. Das Schulsystem krankt im Kern an falschen Werten. Gute Pisa-Werte sagen nichts aus über den Grad an Bildung, sondern – wie das Beispiel Südkorea lehrt – nur über den Dressurerfolg. Deshalb ist es falsch, sie zum Maß aller Dinge zu machen.

Jens G. Röhling, Berlin-Spandau

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