Meinung : „Das Gebot der Stunde …

Caroline Fetscher

… ist Bescheidenheit, nicht Triumphalismus.“

Prächtige Augenbrauen hat er, ist ein studierter Mediziner und gefürchteter Rhetor. Sali Berisha, Gründer der Demokratischen Partei Albaniens, gewann am Sonntag gegen den Amtsinhaber Fatos Nano von der Sozialistischen Partei die absolute Mehrheit der Wählerstimmen. Vom Parlamentsbau aus, der an Tiranas breitem Boulevard Deshmoret e Kombit („Helden der Nation“) liegt, soll Berisha nun das so schwierige wie hoffnungsvolle Land am Rand Europas mit seinen 3,2 Millionen Einwohnern regieren. Eine Nation, die weniger Helden braucht als integre Pragmatiker.

Erst 1992 endeten in dem Land gegenüber von Italiens Stiefelabsatz 47 Jahre des verbohrtesten Kommunismus. Bis zum Tod von Diktator Enver Hodscha war Albanien für den Westen ein weißer Fleck. Keiner kommt rein, keiner soll raus, lautete Hodschas Credo. Auffälligstes Symptom des paranoiden Isolationismus sind hunderttausende kleiner Bunker, die wie steinerne Champignons übers ganze Land verteilt sind.

Auch der 60-jährige künftige Premier ist zwischen diesen Bunkern groß geworden. Anfang 1990 gelang es dem Ex-Kommunisten Berisha, einen Studentenprotest in einen landesweiten Aufstand zu verwandeln. Mit den ersten freien Wahlen wurde er Präsident, einer, auf dessen Fahne Demokratie und Marktwirtschaft standen. Wie so oft in der Transformation kam mit dem Markt die Korruption, besonders in der Baubranche. Als Präsident Berisha Härte zeigte, fühlten sich viele an die Bunkerbauer erinnert. 1997 kostete ein Betrugsskandal Berisha die Macht. Waffenarsenale wurden geplündert, Armee und Polizei waren machtlos. Beherzt tut Berisha jetzt kund, er werde sich „am Erfolg bei der Korruptionsbekämpfung messen lassen“. Doch auch, wenn er selbst als Mann mit weißer Weste gilt: Er hat einen Augiasstall auszumisten, mit dem die Regierung Nano nicht fertig wurde.

Sein Erzfeind und Berisha, die einander jeweils für kurze Zeit ins Gefängnis warfen, gehören den mächtigsten Clans im Land an. Im Wahlkampf legten beide Wert darauf, dass die Wahl vom Westen als fair akzeptiert wird. Denn Albaniens überalterte Industrie und die zarte, aber kostbare Knospe Tourismus, das ist dem fließend Englisch und Französisch sprechenden Berisha klar, brauchen dringend die kommerzielle Anbindung an Westeuropa. In einem Interview 1997 sagte er: „Mal gibt es Blumen und Applaus, mal Kritik und Kugeln.“

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