Meinung : Das gelenkte Leben

Bisher begünstigte der Staat die traditionelle Geschlechterrolle – das muss sich ändern

Tissy Bruns

Heuchelei ist uns fremd, sagen die Herren, blicken treuherzig in die Kameras und beklagen sich über die Familienministerin. Angela Merkel hat gestern wieder einmal ihr Format als Mutter der Kompanie Union bewiesen. Sie hat den treuherzigen Herren aus CDU und CSU ordentlich eins auf die Finger gegeben, als sie ihren Sprecher das Elterngeld zur „kopernikanischen Wende“ in der Familienpolitik erklären ließ. Eine demonstrative Geste der Bundeskanzlerin für Ursula von der Leyen. Hoffentlich für ihren ganzen Plan! Denn erst mit den Vätermonaten hätte das geplante Elterngeld das große Wort verdient.

Der Staat darf nicht vorschreiben, von wem die Kinder erzogen werden, sagt CSU-Generalsekretär Markus Söder. Sehr richtig! Es muss endlich Schluss sein mit dem deutschen Sonderweg, der mit allen Mitteln und Wegen die Frauen dazu nötigt, diese Rolle zu übernehmen. Und zwar weit über das erste Lebensjahr des Kindes hinaus. Ehegattensplitting, Erziehungsgeld, Unterhaltsrecht sind staatliche Steuerungsmechanismen mitten hinein in die Familien. Als geschlechtsneutral kann sie nur bezeichnen, wer die Lebenswirklichkeit nicht kennt oder absichtsvoll leugnet. Das eine ist dumm, das andere verlogen. Die Kritik an den Vätermonaten ist eine Mischung von beidem, eine Verlogenheit, die auf die Dummheit und Trägheit des Publikums baut.

Eine junge, gut ausgebildete Frau, gewohnt und geübt, auf ihren eigenen Füßen zu stehen, trifft mit der Entscheidung für ein Kind immer noch eine zweite, vor der kein Mann steht: die gegen ihre ökonomische Unabhängigkeit. Steuer- und Transfersystem in Deutschland rufen ihr zu: Arbeite bloß nicht! Denn das Ehegattensplitting lohnt sich umso mehr, je größer der Unterschied zwischen den beiden Elterneinkommen ist. Die dreijährige Erziehungspause hat ihren geschlechtsspezifischen Charakter auch durch die begriffliche Umdefinition zur Elternzeit nicht verloren. Solange Männer durchschnittlich mehr verdienen als Frauen, bleibt der Verzicht auf das mütterliche Einkommen die rationale Entscheidung im Interesse der Familie.

Staatliche Lenkung verstärkt die geschlechtsspezifische Rollenverteilung sogar jenseits der Ehe und über sie hinaus. Denn die Mütter müssen die herkömmlichen Lasten übernehmen, können sich aber nicht mehr auf das alte Sicherheitsversprechen der Ehe verlassen. Im Scheidungsfall hat die besseren Aussichten auf Unterhalt oder Sozialtransfer für sich selbst, wer wegen der Kinder zu Hause sitzt. Auch die nichteheliche Mutter kann Unterhaltsansprüche nicht nur für das Kind, sondern für sich selbst geltend machen.

Dieses System hat nicht nur die grobe Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern verlängert. Weil die Mütter von Staats wegen als die geeigneteren Erzieherinnen gelten, hat Mutter immer Recht – auch vor deutschen Scheidungs- und Familienrichtern. Eine neue Paradoxie der deutschen Familienlenkung ist zum Beispiel die katastrophal schlechte Stellung von Vätern, die mit den Müttern ihrer Kinder in Konflikt geraten sind. Sie dürfen zahlen, ihre Kinder sehen sie oft nicht.

Die traditionelle Rollenaufteilung hatte ihren Platz im vorletzten Jahrhundert, heute macht sie beide schwach, Mütter und Väter. Vor allem der Kinder wegen muss der Kulturkampf um Elterngeld und Vätermonate deshalb geführt werden. Die Herren Söder, Rüttgers oder Milbradt wollen doch ganz gewiss nichts mit den Patriarchen aus den Parallelwelten zu tun haben, die ihre Macht daraus beziehen, dass sie ihre Frauen und Töchter ins Haus verbannen. Die Bundeskanzlerin wird es ihnen schon beibringen.

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