Meinung : Das Gewicht der Politik

Pascale Hugues, Le Point

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Il n’y a point de sot métier.“ Es gibt keinen törichten Beruf. Immer wieder musste ich mir vorige Woche dieses alte französische Sprichwort vorsagen und mir damit Mut für die kühne Mission machen, mit der die Pariser Redaktion meiner Zeitschrift mich betraut hatte. Die politischen Porträts der wichtigsten Kandidaten sollten am Rand durch einige „persönliche Merkmale“ ergänzt werden – säuberlich formatierte Rubriken für Geburtsdatum, Sternzeichen, kleine kulinarische Schwächen, Größe und Gewicht. Wenn ich bedenke, dass die französische Öffentlichkeit nicht einmal über den Gesundheitszustand des Staatspräsidenten informiert wird, so erscheint mir dieses Herumstochern in den körperlichen Eigenheiten der Deutschen ziemlich unverfroren. „Wir dürfen über die Wahlen in Deutschland nicht so todernst berichten“, lautete die Parole. Und wie sonst auch wird die Leichtigkeit in der Politik auf der Waage ermittelt.

Eine Mission, der nichts im Wege stehen würde, wäre die Bundesrepublik ebenso transparent wie die amerikanische Nation. John Forbes Kerry: 92 Kilo, liebt Erdnussbutter und Cookies; Schütze. George Walker Bush: 88 Kilo, schwärmt für Milch, Tortilla und Hamburger; Krebs. Auch in den Fußballstadien kennt man keine Geheimnisse: Oli Kahn wiegt bekanntlich 92 Kilo. Und die Welt der Dinosaurier liegt wie ein aufgeschlagenes Buch vor uns. Der Triceratops, Vierfüßler mit drei Hörnern, wog sechs Tonnen, so viel wie fünf Autos. Wie viel wiegt ein Bundeskanzler? So viel wie zehn Kinderroller?

Ich beschließe, mit Gerhard Schröder anzufangen. Ohne zu zögern legt der Kanzler die geheimsten Winkel seines Privatlebens offen: sein Hund, seine Katze, die Liebe zu seiner Frau, die Hochachtung vor seiner Mutter, sein Reihenhaus in Hannover. Naiverweise nehme ich an, dass meine Forschungsarbeiten zu einem schnellen Abschluss kommen werden. In dem entsprechenden Kästchen vermerke ich „Currywurst und Spaghetti“. Bei Tisch jedenfalls schlägt das Herz des in Brioni-Anzüge gewandeten „Genossen der Bosse“ immer noch links. Gerd Schröder hat seinen Geschmack an proletarischen Vergnügungen nicht verloren.

„Wie viel wiegt der Kanzler?“ Etwas verlegen stelle ich dem Chef vom Dienst des Bundespresseamtes diese Frage. Sofort erkenne ich, dass ich eines der letzten Tabus verletzt habe. „Das geht zu sehr ins Persönliche“, erwidert der CvD lachend. Ich schreibe ins Kästchen: „Das Kanzleramt hält die Frage für indiskret.“ Im Grunde beruhigt es mich, dass selbst die politische Klasse noch eine unüberwindliche Grenze zum Exhibitionismus kennt. In der Parteizentrale der CDU findet man meine Frage keineswegs zum Lachen und gibt mir in schroffem Ton zu verstehen, dass das eine Frechheit ist. „Wie Sie sich denken können, haben wir im Moment genug zu tun! Reichen Sie Ihre Frage schriftlich ein!“ Der zweite Teil des Sprichwortes fällt mir ein: „Es gibt nur törichte Menschen.“

Ich schäme mich, dass man mich für eine anonyme Kontrolleurin der Weight Watchers gehalten hat, und gebe die Umfrage auf. Also werde ich niemals erfahren, ob Angela Merkel lieber Kaviar aus dem Kaspischen Meer essen würde als die gigantischen Thüringer Bratwürste, die sie den ganzen Wahlkampf hindurch verdrücken muss, ohne sich den lachsfarbenen Blazer zu bekleckern. Bei den Grünen brauche ich gar nicht erst anzurufen. Die jüngsten öffentlichen Auftritte von Joschka Fischer machen deutlich, dass die Zahl, die ich heute notiere, morgen schon wieder überholt wäre. Joschkas Gewichtskurve ist im raschen Abschwung begriffen.

Kein Jagdglück. Nun wende ich mich den Sternzeichen zu. Horoskop, September 2005. Gerhard Schröder, am 7. April 1944 in Mossenberg bei Detmold geboren, ist Widder. „Die Sterne begünstigen ein erfolgreiches Zusammengehen mit einem Zwilling.“ Sieh mal einer an, Angela Merkel, am 17. Juni 1954 in Hamburg geboren, ist Zwilling. In der Abteilung „Liebe“ heißt es für sie: „Merkur und Venus schenken Ihnen Charme und Anziehungskraft. Ihr Hunger nach neuen Eindrücken könnte Sie jedoch zu Veränderungen und zur Flucht vor dauerhaften Bindungen treiben.“ Meine astrologische Vorhersage für morgen: große Koalition mit unklarem Gewicht.

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