Meinung : Das Glück auf zwei Beinen

In der familienpolitischen Debatte kommt eines zu kurz: Wie schön es ist, Kinder zu haben – und was sie ihren Eltern geben

Dorothee Nolte

Fragen Sie doch mal unauffällig rum. Machen Sie sich an die Eltern in Ihrer Bekanntschaft heran und erkundigen Sie sich, ganz harmlos: Wie lebt es sich denn so mit Kindern? Sie werden allerhand zu hören bekommen über die Mühen und Plagen, die die Kleinen und auch die Größeren verursachen. Das lassen Sie stoisch über sich ergehen und dringen dann zum Eigentlichen vor: Bereust du es, Kinder zu haben? Würdest du sie wieder hergeben?

Da werden irgendwann die Augen feucht. Natürlich nicht, niemals, um Gottes willen! Und spätestens nach zehn Minuten kommen fast alle Eltern, egal ob Mann oder Frau, alt oder jung, zusammenlebend oder getrennt, zu dem Schluss: Wer keine Kinder hat, versäumt unglaublich viel.

Eigentlich ist die Situation absurd, wenn man sie sich auf den Markt übertragen vorstellt: Da gibt es eine große Gruppe von Menschen, die ein Produkt ausprobiert hat, von ihm zutiefst überzeugt ist und ihm bis ans Lebensende verbunden sein möchte. Man sollte meinen, die anderen würden keine Kosten und Aufwand scheuen, um dieses Wunder-Produkt kennen zu lernen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Nicht nur ist die Zahl der Geburten in Deutschland niedrig, auch der Kinderwunsch nimmt ab.

Schlechtes Marketing, würde ein Unternehmer sagen. Offenbar sind Eltern keine guten wandelnden Werbeträger, wenn es ums Kinderkriegen geht: Von außen wirken sie oft genervt und überfordert, und sie reden leichter und öfter über schlaflose Nächte als über das simple, schlichte, menschliche Glück, Kinder zu haben. Fürchten sie, süßlich zu klingen – oder den Neid der Kinderlosen auf sich zu ziehen? Vielleicht halten sie die Freude, die sie in guten Momenten mit ihren Kindern empfinden, für zu banal, um sie herauszuposaunen. Aber das ist sie nicht. Wäre sie es, gäbe es mehr Kinder.

Die neue Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung macht deutlich, was viele Frauen schon ahnten: Es sind vor allem die Männer, die mit Kindern wenig anfangen können. Demnach wünschen sich 26 Prozent der Männer zwischen 20 und 39 Jahren keine Kinder; bei den jungen Frauen sind es knapp 15 Prozent – beide Werte sind seit der letzten Befragung vor 13 Jahren stark gestiegen, bei den Männern haben sie sich mehr als verdoppelt. Der Trend scheint also eindeutig, selbst wenn man davon ausgeht, dass viele der befragten 20- bis 30-Jährigen noch rechtzeitig umschwenken werden, da sich der Zeitpunkt des Kinderkriegens nach hinten verlagert hat.

Bereits 2004 hatte die europäische Stichprobenuntersuchung Eurobarometer gezeigt, dass junge Frauen in Deutschland und Österreich – als einzige in Europa! – sich weniger als zwei Kinder wünschen (durchschnittlich 1,7). Die These der Forscher des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung: Deutschland und Österreich waren die ersten europäischen Länder, in denen in den 70ern die Geburtenrate sank (auf 1,4); nun sind die beiden Länder auch die ersten, in denen der Kinderwunsch spürbar zurückgeht.

Je weniger Kinder da sind, desto weniger Kinder wünschen sich die Menschen offenbar – und da sie ihren Kinderwunsch in der Regel nicht voll realisieren, erwarten die Forscher, „dass das sinkende Ideal tendenziell noch zu weiter sinkenden Geburtenraten führen wird“.

Die gesellschaftlichen Ursachen des Kindermangels sind bekannt: mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie, ungenügende Betreuungsmöglichkeiten, familienfeindliche Arbeitsstrukturen, wirtschaftliche Unsicherheit, überlange Ausbildungszeiten, möglicherweise überhöhte Ansprüche bei der Partnersuche und der Zwang zu Flexibilität und Mobilität – alles Gründe, den Kinderwunsch zu verdrängen, bis er nicht mehr zu realisieren ist.

Von all dem soll hier aber keine Rede sein. In letzter Zeit ist zu hören: Bessere Kinderbetreuung, so notwendig sie ist, reicht nicht – es ist (auch) eine Frage der Mentalität. Warum etwa, fragte auf dieser Seite kürzlich der scheidende Tagesspiegel-Amerika-Korrespondent Malte Lehming, bekommen die Amerikaner mehr Kinder, obwohl die familienpolitischen Rahmenbedingungen schlechter sind als hier?

Auch in den USA liegen die perfekten Partner, Jobs und Kitas nicht auf der Straße. Aber es ist dort offenbar selbstverständlich, dass der Wunsch nach Nachwuchs zum Leben gehört, auch wenn er Geld kostet und mit Kompromissen erkauft wird. Hier zu Lande ist das nicht (mehr) selbstverständlich. Sind die Deutschen, vor allem die im Westen, die gebildeten und die Männer, zu individualistisch, um sich auf Bindungen einzulassen? Steht Individualismus per se im Widerspruch zu Familie, zu Kindern?

Nicht notwendigerweise. Individualisten sind wir alle, ob Eltern oder kinderlos, denn wir sind Produkte der Aufklärung und ihres Strebens nach individuellem Glück. Individualisten wollen wissen, warum es ihnen nützen soll, Kinder zu haben. Sehr genau wägen sie ab, ob die Einbußen an Karrierechancen, Bequemlichkeit und Freiheit durch den – ganz unsicheren, schwer vorzustellenden – Gewinn aufgewogen werden. Was habe ich davon?

Diese Frage ist vollkommen berechtigt. Früher haben die Menschen auch nicht nur aus purer Kinderliebe Nachwuchs in die Welt gesetzt – sie hatten keine Wahl oder sie brauchten Kinder als Erben und als Versorger im Alter. Diese Argumente ziehen heute nicht mehr, glücklicherweise. Wir wollen nicht ernsthaft in einer Gesellschaft leben, in der man zum Kinderkriegen biologisch oder sozial quasi gezwungen wird.

Aber es gibt andere Argumente dafür, im eigenen Leben Platz für Nachwuchs zu schaffen. Es sind genau die Argumente, die Eltern meinen, wenn sie davon sprechen, dass Kinderlose „unheimlich viel versäumen“. Einfache Wahrheiten, seit Jahrtausenden bekannt, aber in einer kinderarmen Gesellschaft für viele nicht mehr nachvollziehbar – denn Kinderlose haben oft so wenig Kontakt zu Kindern, dass sie sich ein Leben mit ihnen gar nicht konkret vorstellen können. Von den Lasten hören sie viel. Aber den Gewinn, den alle Eltern kennen, können sie nicht einschätzen.

Dabei ist es so simpel: Kinder machen Spaß. Es macht Spaß, sie anzuschauen, von den ersten unkoordinierten Grimassen bis zu den Kletterversuchen im Apfelbaum, es macht Spaß, mit ihnen zu toben oder ins Museum zu gehen. Mehr noch: Kinder machen glücklich. Die Begegnung mit einem kleinen Nachkömmling weitet das Herz, öffnet den Blick, vertieft das Verhältnis zum Leben an sich. All das kann man sagen, ohne in jene Zeiten zurückzufallen, in denen rührselig die Wonnen des (Mutter-) Glücks beschworen und dabei die Opfer verschwiegen wurden, die zumeist von den Frauen erbracht wurden. Ein bisschen Pathos darf ruhig – wieder – sein; über die Alltagsprobleme mit Kindern glaubt eh jeder Bescheid zu wissen.

Die oberflächlichen, zudem lebenszeitlich begrenzten Einschränkungen des individuellen Spielraums – nicht mehr so oft ausgehen können, sich absprechen müssen, weniger Geld für eigenen Konsum haben – stehen in keinem Verhältnis zu dem Gewinn, den das Zusammenleben mit Kindern bringt. Kurzfristig und langfristig: Denn Kinder ermöglichen Kontinuität. Omas Augen im Enkel, Vaters Haare am Schopf der Tochter, das Temperament der Mutter im Sohn – wir sind alle Teil einer Generationenkette, auch wenn diese simple Tatsache im gegenwartsfixierten Alltag leicht aus dem Blick gerät. Wer Kinder hat, spürt die Geschichte anders und reiht sich in sie ein, er schafft sich eine Verbindung zur jüngeren Generation, in die Zukunft hinein.

Alle Eltern wissen auch, wie viel Neues man durch Kinder erfährt. Wie lernen Menschen gehen, sprechen, denken, fühlen? Wie entwickeln Geschwister ihre so unterschiedlichen Talente und Temperamente? Wer Kinder hat, ob eigene oder angenommene, wird jeden Tag klüger. Erinnert sich an eigene Kindertage, entdeckt neue Seiten an sich, am Partner, an den eigenen Eltern, an der Menschheitsgeschichte. Diese Erfahrungen lassen sich nicht simulieren, im Kino etwa, und sie lassen sich nicht ersetzen durch Partys oder auch Meditationsabende. Sie sind nur mit Kindern zu haben.

In einer kinderarmen Gesellschaft machen immer weniger Menschen diese grundlegenden Erfahrungen. Schon heute ist die Lebenserwartung so hoch, der Zeitpunkt der ersten Geburt so spät, die Zahl der Kinder pro Individuum so niedrig, dass selbst Menschen, die Eltern und Großeltern werden, vergleichsweise wenig Zeit mit kleinen Kindern verbringen – auf die gesamte Lebensspanne gerechnet. Wenn darüber hinaus immer mehr Menschen keine Kinder oder bestenfalls eins bekommen, schwindet das kollektive Wissen darüber, wie kleine Menschen zu großen werden, schwindet womöglich auch die Toleranz und die Selbstverständlichkeit im Umgang mit Kindern – und noch mehr der Mut, sich derart exotische Wesen ins Haus zu holen. Die Wendung „meine Geschwister“ könnte schon bald Seltenheitswert bekommen, da kaum jemand mehr als einen Bruder oder eine Schwester haben wird, wenn überhaupt. Und junge Eltern werden sich von älteren Menschen nur wenig Rat erhoffen können, denn die älteren haben entweder keine Kinder gehabt oder die frühen Jahre mit ihrem Einzelkind längst vergessen.

Man stelle sich nur zwei möglicherweise häufige Schicksale im Jahre 2040 vor: Zwei Menschen, nennen wir sie Anna und Tom, sind Einzelkinder. Da sie keine Geschwister haben, werden sie auch weder Schwägerin noch Schwager haben, weder Neffen noch Nichten. Womöglich waren auch ihre Eltern schon Einzelkinder – dann haben Anna und Tom auch keine Onkeln und Tanten, keine Cousins und Cousinen. Sie bekommen selbst keine Kinder, daher wird es für sie keine Schwiegertöchter und -söhne und vor allem: keine Enkel geben. Wenn ihre Eltern sterben, werden sie ohne Blutsverwandte dastehen.

Das muss nicht schlimm sein. Keine Frage: Die fiktive Anna und ihr Gegenstück Tom werden auch ohne Verwandte und Kinder ein glückliches, erfülltes Leben führen können. Sie sind ja, wenn man so will, die Kulmination des Individualismus und können beweisen, dass Homo und Femina sapiens in der Lage sind, den Sinn ihres Lebens allein zu setzen, ihre Identität aus sich selbst heraus zu bestimmen und in selbst gewählten Strukturen Halt und Glück zu finden, ohne biologisch begründete Bindungen. Wenn sie klug sind, werden sie viele Freunde, Talente, Interessen pflegen, vielleicht die Kinder von Bekannten fördern, sich beruflich und ehrenamtlich engagieren, ihr Vermögen einer Stiftung vermachen und am Ende ihres Lebens zu Recht eine positive Bilanz ziehen. Sie brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben wegen der Rente oder dem deutschen Volk, Gott bewahre. Individualisten haben das Recht, kinderlos zu bleiben.

Vielleicht kommen die beiden aber so um ihr 30. Lebensjahr herum plötzlich einem Geheimnis auf die Spur. Ein befreundetes Elternpaar verrät ihnen, wie schön es ist, Kinder zu haben und welche Freude man auch und gerade als Individualist daraus ziehen kann. Geben ein paar Tipps, wie man Familie leben kann, ohne sich als Individuum aufzugeben. Nehmen gar altmodische Worte in den Mund, die man in früheren Jahrhunderten mit Kindern verband, wie „Reichtum“ oder „Segen“.

Sensationell! Unsere zwei Einzelgänger beginnen zu überlegen, ob sich das Wagnis nicht doch lohnen könnte. Sie bekommen ein Kind oder zwei, warum nicht auch drei oder vier? Verdienen beide weiter, weil Individualisten an ihrer Arbeit und ihrer Selbstständigkeit hängen. Werden natürlich, wie alle Eltern, über schlaflose Nächte und teure Turnschuhe klagen. Aber noch viel häufiger werden sie staunen über die klugen Fragen der Tochter, lachen über die Sprechversuche des Söhnchens, morgens im Bett mit den Kindern kuscheln und denken: Jawohl, das ist jetzt richtig und gut so.

Vielleicht sind die beiden sogar noch mit ihrem Partner zusammen, wenn ihre Kinder selbst Kinder bekommen. Vielleicht haben sie sich zu diesem Zeitpunkt längst getrennt. Als kluge Individualisten, materiell unabhängig voneinander, werden sie aber weiter gemeinsam Sorge für die Kinder tragen. Neue Papas, neue Mamas kommen hinzu, plötzlich ist die Familie ganz groß. Wie Annas und Toms Bilanz am Ende des Lebens aussehen wird, weiß keiner. Ich glaube jedenfalls nicht, dass sie jemals bereuen werden, Kinder bekommen zu haben.

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