Meinung : Das glückliche, unbeschriebene Jahr

Pascale Hugues, Le Point

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Noch herrscht das zwanglose Chaos, mit dem das Jahr angefangen hat. Partys, durchgemachte Nächte, verschlafene Vormittage haben die strenge Ordnung unserer Tage durcheinandergebracht. Bisher sind die Seiten meines neuen Kalenders für 2007 weiß. Nur ein Zahnarzttermin im März und die Schulferien sind mit einem Strich markiert. Im April weist ein sentimentales Kreuzchen auf einen wichtigen Geburtstag hin. Alles ist möglich. Noch hat das Jahr 2007 seine Zwangsjacke nicht angelegt.

Schon lange genügt ein Krakel in der Hand oder ein Knoten im Taschentuch nicht mehr, um uns an unsere Verabredungen zu erinnern. Unser Leben ist viel zu komplex, als dass wir es wagen würden, uns diesen selbst gebastelten Tricks anzuvertrauen. Um die Zeit zu bändigen, brauchen wir mindestens einen Kalender. Und mir kommt es so vor, als hätte ganz Berlin sich verschworen, mein neues Jahr möglichst schnell seinem rigiden Rhythmus zu unterwerfen: Meine Apothekerin hat mir einen kleinen Faltkalender in die Tasche gesteckt, der Buchhändler hat mir einen erbaulichen Kalender angeboten, in dem berühmte Schriftsteller jeden Monat ein weltschmerzträchtiges Zitat zum Besten geben, und beim anthroposophischen Bäcker hat man mich um ein Haar gezwungen, einen gigantischen Kalender mit „Bildern aus der Heimat“ mitzunehmen. Stattdessen habe ich mich für ein schlichtes Lebkuchenherz entschieden.

Zum Thema "Das glückliche, unbeschriebene Jahr": Lesen Sie den Text im französischen Original Fotostrecke: Jahresausblick Berlin 2007 Diese Geschenke, die mich nur versklaven, gefallen mir nicht. Kategorisch verweigere ich mich den elektronischen Kalendern, die mein Leben nach amerikanischer Manier in „Private“, „Job“, „Hobby“, „Kids“ zerlegen. Ich muss die Zeit auf dem Papier anfassen können. Nur der Kalender, den die Kinder in der Schule gebastelt haben, gefällt mir wirklich. Auf jeder Seite ist das Leben heiter. Aber dieses kostbare Geschenk ist in seine Einzelteile zerfallen. Es wird die Tage dieses Jahres nicht mehr zählen können.

Ich benutze einen hässlichen, banalen und effizienten Filofax. Seine Seiten werden von einem gewöhnlichen Gummiband zusammengehalten. In der Innentasche seines roten Einbandes habe ich eine etwas biedere Maxime verewigt, die ich in der Verpackung einer Noisettepraline gefunden habe: „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.“ Ich bemühe mich, diese Weisheit zu befolgen. Die umgeblätterten Seiten sind vergessen. Nach und nach nehme ich sie heraus, um Tasche und Gedächtnis zu entlasten.

Dank meinem Filofax bin ich bestens informiert: Ich weiß, wann in Österreich Schulferien sind. Ich weiß, dass am 2. Mai Buddhas Geburtstag gefeiert wird und dass am 9. Februar die Motorradmesse in Leipzig beginnt. Ich kann Celsius in Fahrenheit umrechnen und die nationalen Feiertage aller Länder unseres Planeten herbeten. Alle diese für die Globalplayers zweifellos unentbehrlichen Informationen sind eigentlich nicht auf mein sesshaftes Leben in Schöneberg zugeschnitten. Nein, ich muss nicht unbedingt wissen, dass es in Singapur 12 Uhr Mittag ist, wenn der Zeiger auf der Rathausuhr umspringt. Aber egal … Als Hüter meiner Zeit regelt der Filofax meine Nachmittage, diszipliniert meine Vormittage, ordnet meine Abende.

Ein berstend voller Kalender steigert das Selbstwertgefühl. Man ist sehr beschäftigt und wird als bedeutend wahrgenommen. Man ist begehrt. Man wird hochgeschätzt. Mein Wert misst sich an den hastig hingeworfenen Wörtern, die die Seiten meines Filofax bedecken. Sechs Termine am 28. April? Mit der Leichtigkeit eines Zirkusartisten jongliere ich Kinder, Einkäufe, Arbeit, Fitness. Und was macht es schon, wenn mein Kopf sich am Abend wie ein dicker Blumenkohl anfühlt. Ein 9. Mai, an dem ich von einem Ende Berlins ans andere gehetzt bin? Jedenfalls habe ich ganz sicher nichts von dem verpasst, was diese Stadt an relevanten Events und wichtigen Leuten zu bieten hat.

Denn die Kalender wüten vor allem gegen dieses so wertvolle Gut, das immer mehr aus unserem Leben verschwindet: die Zeit. Ein leerer Kalender ist ein Zeichen von Unfähigkeit, der Beweis, dass man asozial ist, ein Loser.

Ein leerer Kalender? Das ist die Freiheit! Ich liebe diese noch jungfräulichen Seiten, die Platz lassen für das Unvorhergesehene, die spontanen Begegnungen, die ziellosen Träumereien, die Launen des Augenblicks, vielleicht auch den Stachel der Langeweile. Ich liebe diese Tage, so lang wie die Strände der Nordsee, diese Abende, die sich dem Zufall öffnen. Solche Seiten sind anfällig. Es sind poröse Festungen, die mit Klauen und Zähnen verteidigt werden müssen, damit niemand sie erobert. Und sei es nur, um meinen roten Filofax daran zu erinnern, wer in unserem unzertrennlichen Gespann letzten Endes das Sagen hat!

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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