Meinung : Das Gymnasium ist auch nur eine Schule

„Begabung verpflichtet“ vom 4. März

Wolfgang Harnischfeger verspricht uns zu erklären, „ … worin die Aufgaben des Gymnasiums in Zukunft bestehen sollen“. Denn das Monopol auf die Vergabe des Abiturs habe es ja mit der Einführung der Integrierten Sekundarschule verloren. Dem Leser werden angeboten: das Gymnasium als Schule, die „sozial weniger belastet“ ist sowie „Verantwortung für gesamtgesellschaftliche Belange“ ins Auge fasst, neben einigen charakterlichen Eigenschaften wie Neigung zu Persönlichkeitsentfaltung, Kreativität und Solidarität statt Markenartikelorientierung. Und wer das alles nicht kann oder will, „muss das Gymnasium verlassen“.

Das klingt schön und vernünftig, zumal das Gymnasium auch eine „Stätte kultureller Pflege“ sein soll – wer könnte was dagegen haben? Ich frage mich aber, was machen denn nun die anderen Oberschulen, die Integrierten Sekundarschulen? Müssen das nicht eigentlich Ziele für jede Schule und für alle Schüler sein, auch für die große Mehrheit? Was habe ich denn in meinem Lehrerleben an der Gesamtschule gemacht? Und wie lernt man gesamtgesellschaftliche Verantwortung, wenn man als Jugendlicher an der staatlichen Schule die Gesamtgesellschaft – die könnte ja sozial belasten – gar nicht erleben kann? Und wie sollen die sprach- und denkunfähigen Markenartikelfans, die das Gymnasium verlassen müssen, ihre Defizite an der sozial stärker belasteten Sekundarschule ausgleichen können? Da bleiben viele Fragen

offen. Die sind wohl auch für den Autor nicht lösbar, kann er sich doch nicht einmal zu einem Ausleseverfahren nach der

6. Klasse durchringen. Bleibt die Erkenntnis: Es gibt das Gymnasium, weil einflussreiche Kreise unserer Gesellschaft das so wollen. Das kann man nicht leugnen, das ist politisch realistisch – aber man muss nicht versuchen, dazu eine bildungstheoretische Begründung zu konstruieren. Das geht an der Sache vorbei!

Thomas Isensee, Berlin-Charlottenburg

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