Meinung : Das Hinterherkommando

Hans Monath

Denkt man an die Aufregung um die Vertrauensfrage des Kanzlers bei der Entscheidung über den Afghanistan-Einsatz, so reagierte die Republik nun seltsam gelassen auf die Abreise des ersten größeren Bundeswehr-Kontingents nach Kabul. Dabei haben manche der 70 Soldaten, die heute in der afghanischen Hauptstadt erwartet werden, vor ihrem Abflug angeblich noch ein neues Testament gemacht - ein ziemlich rationales Verhalten vor einer UN-Mission, die als bislang gefährlichster Auslandseinsatz der Bundeswehr gilt. Und es fällt auch schwer, die angeblich dem schlechten Wetter geschuldeten Verzögerungen beim Start nach Kabul nicht auch symbolisch zu verstehen: Start zu einem Einsatz mit Hindernissen.

Zum Thema Online Spezial: Die Bundeswehr im Einsatz
Keine Frage: Die politische und militärische Logik spricht für diese internationale Mission. Und nachdem die Bundesregierung an der Frage der Kriegsbeteiligung beinahe zerbrochen wäre und beim Zustandekommen des Vertrages über die Nach-Taliban-Regierung so hilfreich war, hätte sie nicht gut begründen können, warum nur Soldaten anderer Länder für eine sichere Zukunft Afghanistans Risiken übernehmen sollten. Auch sind die Deutschen in Kabul beliebt und angesehen wie keine andere Nation. Alles günstige Voraussetzungen, wenn der Einsatz nicht doch mit diplomatischen und politischen Ungereimtheiten, logistischen Defiziten und eben handfesten militärischen Risiken fertig werden müsste.

Da ist die Unklarheit, wer nach den Briten die Führung der Mission übernimmt. Da ist das Nebeneinander der noch immer andauernden US-geführten Mission "Enduring Freedom" (die Deutschland außerhalb Afghanistans unterstützt) und des UN-Einsatzes. Da ist der hinzunehmende Umstand, dass Kabul, im Gegensatz zum Petersberger Abkommen, nicht komplett von afghanischem Militär geräumt wurde. Aber dieses Risiko trifft alle Nationen, nicht nur die Deutschen.

Die leiden aber mehr als andere daran, dass ihre Streitmacht für diesen Einsatz die letzten Kapazitäten aufbieten musste und nicht über die nötige Logistik zum Transport verfügt: Fanatische Anhänger der Privatisierung staatlicher Dienstleistung mögen es zwar begrüßen, dass die deutschen Soldaten und ihre 80 Fahrzeuge in angemieteten ukrainischen Antonow-Flugzeugen nach Mittelasien fliegen. Wer schnell reagieren muss - auch im Fall eines Rückzugs - kann sich aber nicht auf einen Frachtmakler verlassen. Schon die Abhängigkeit von amerikanischer und britischer Hilfe im Notfall empfinden manche Bundeswehr-Offiziere als Zumutung.

Bleibt die Hoffnung auf den bestmöglichen Ausgang des ebenso notwendigen wie gefährlichen Unternehmens: Dass nach der Konfrontation mit den vielen Herausforderungen alle gesund nach Hause kommen. Und dass das Bewusstsein für die überstandenen Gefahren zu Hause dann das Tempo beschleunigt, in dem die Politik die Bundeswehr für internationale Auslandseinsätze umbaut und besser ausrüstet. Denn darauf, dass die Risiken in dieser Welt nach dem Ende des Afghanistan-Einsatzes geringer werden, sollte sich niemand verlassen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben