Meinung : Das Hühnerschenkel-Dilemma

Afrika braucht keine Almosen des Westens. Es kann und muss sich selbst helfen

Christoph Link

Die Begebenheit hat sich in Nairobi zugetragen. Erzählt man sie Afrikanern, erntet man Gelächter. Ein britischer Rucksacktourist war gerade in Kenias Hauptstadt eingetroffen und wurde im Bus sogleich von gleichaltrigen Kenianern um Geld gebeten. Der Reisende sagte sich „Ich bin seit einigen Stunden zu Gast in einem fremden Land. Meine Gesprächspartner wurden hier vor 25 Jahren geboren, kennen die Probleme ihrer Heimat und wissen, wie man überlebt. Eigentlich sollten sie mir helfen.“ Er lehnte das finanzielle Hilfsgesuch ab. Der Held dieser Geschichte erhält in afrikanischen Zuhörerkreisen stets Zustimmung: Er habe richtig gehandelt, Afrika sei kein Bettlerkontinent.

Die Anekdote passt zur Diskussion in Afrika über den G-8-Gipfel in Gleneagles. In scharfem Kontrast zu der Euphorie, mit der Aktivisten jetzt Live-8-Konzerte veranstaltet haben, Sonderfahrten zum schottischen Gipfelort planen und weiße Bänder verteilen, raten afrikanische Stimmen zu sachlicher Analyse. Jahrzehntelang ist Hilfe für Afrika geflossen, doch verbessert hat sie wenig.

Dass eine von Tony Blair eingesetzte Kommission die „Rettung Afrikas“ erdacht hat, dass der britische Finanzminister Gordon Brown geradezu missionarisch über die Geschicke eines Kontinents mit 830 Millionen Menschen diskutiert, stößt vielen Afrikanern sauer auf. Eine senegalesische Ökonomin rügt, man könne nicht nach dem Motto handeln: „Wir kommen jetzt nach Afrika und machen da die Leute glücklich.“ Die meiste Kritik aber zielt auf die Blauäugigkeit, Hilfe ohne Bedingungen nach Afrika zu schicken. Auch vier Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit haben sich die meisten Staaten nicht von der „Kleptokratie" verabschiedet. Statt Krankenhäuser oder Schulen zu bauen, verteilten Politiker ein Stück Seife oder ein Kilo Zucker als kleine Geschenke an das einfache Wahlvolk. Afrikas Politiker seien es, die die Verarmung Afrikas verursacht hätten, urteilt der kenianische Autor Charles Onynang-Abbo – eine von vielen kritischen Stimmen.

Westliche Kritiker der Globalisierung sind auf diesem Auge blind. Sie fordern einen gerechteren Welthandel, mehr Hilfe und Entschuldung – und sie haben ja in allen Punkten Recht. Der weltweite Handel ist unfair, wenn subventionierte Hühnerschenkel aus Frankreich nach Westafrika exportiert werden und dort die Märkte zerstören. Die Hilfe ist unwirksam, wenn sie so daherkommt wie die der USA, die sich in der Bezahlung von Nahrungsmitteln in Dürrezeiten (in der Regel US-Mais) manifestiert. Und es ist wahr, dass die von Weltbank und Internationalem Währungsfonds aufgepfropften neoliberalen Konzepte afrikanischen Ländern jede Chance für eine Industrialisierung oder für das Überleben des Handwerkerstands rauben. Sie werden stattdessen überschwemmt mit chinesischen Billigprodukten, weil sie ihre Märkte öffnen mussten.

In den simplen Kampagnen pro Afrika wird dagegen allzu oft die mangelnde Verantwortungsbereitschaft afrikanischer Regierungen vergessen, die fehlende Staatlichkeit, die Hilfe manchmal unmöglich macht. Kontinentweit – mit wenigen Ausnahmen – wird der Staat als Bürde, nicht als Dienstleister empfunden. In der verarmten Demokratischen Republik Kongo verdient ein Minister 30000 US-Dollar im Monat, Lehrer aber werden nicht bezahlt. In Kenia liegen 150 Millionen Euro der EU für Gesundheit und Straßenbau brach, weil die Regierung es nicht geschafft hat, ein Gesetz zur sauberen Auftragsvergabe zu verabschieden, wie die EU es verlangt. Nigeria, siebtgrößter Ölexporteur der Welt, bleibt eine Antwort schuldig, was eigentlich mit den riesigen Ölgewinnen passiert. Die Reihe ließe sich fortsetzen.

Afrika ist mit Geld allein nicht geholfen – die meisten seiner 53 Staaten brauchen innere Reformen. US-Präsident Bush zielt in die richtige Richtung, wenn er Afrikas Politikern abverlangt, sie müssten Motor der Reformen werden statt passive Hilfsempfänger zu bleiben. Genau diese Idee haben vor Jahren drei afrikanische Präsidenten im Programm zu einer „Neuen Partnerschaft zur Entwicklung Afrikas“ (Nepad) entwickelt. Ein richtiges und wegweisendes Konzept. Warum Blair es durch seinen Plan ersetzen will, bleibt sein Geheimnis.

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