Meinung : Das Internet macht doof

Wenn alle mitreden, löst sich die Meinungsfreiheit in Kakophonie auf.

Henryk M. Broder

Von Hanns Dieter Hüsch, einem der Großen der Kleinkunst, stammt der Satz: „Seit jeder überall hinfahren kann, ist die Welt mit Brettern vernagelt.“ Hüsch war kein Elitist, das Material, aus dem er seine Geschichten formte, war der Alltag, seine „Methode“ war ebenso einfach wie ergiebig: „Hingehen, hinhören, aufschreiben, vortragen.“

Etwa zwanzig Jahre, bevor Hüsch den Gedanken, dass jeder Barbar nach Bali fliegen darf, wenn er sich das Ticket leisten kann, als verstörend empfand, sagte Paul Sethe, einer der Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: „Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“ Sethe räsonierte über eine Klasse, der er selbst angehörte: Verleger und Chefredakteure, die dafür bezahlt werden, die Meinung ihrer Verleger zu verbreiten.

Zur Zeit von Hüsch war der Tourismus noch nicht so entwickelt wie heute; zur Zeit von Sethe gab es noch kein Internet, kein Wikipedia und kein Google. Wer eine Meinung hatte, aber nicht zu den 200 Privilegierten gehörte, konnte eine Wandzeitung anschlagen oder Flugblätter drucken, wenn er sich bemerkbar machen wollte. Heute meldet er eine „domaine“ an und nimmt an den Debatten im „global village“ teil. Die Folgen sind entsprechend. Wenn die „New York Times“ denselben Zugang zur Öffentlichkeit hat wie eine Kannibalen-Selbsthilfegruppe, wird sich die Öffentlichkeit auf Dauer nicht auf dem Niveau der „New York Times“ einpegeln, sondern auf dem der Kannibalen-Selbsthilfegruppe.

Mit dem Recht, eine Meinung verbreiten zu können, verhält es sich so wie mit den meisten Rechten, die auf einer unausgesprochenen Vereinbarung beruhen: Wenn sie von allen wahrgenommen werden, schaffen sie sich selbst ab. Wenn alle Menschen zur gleichen Zeit in ihre Autos steigen würden, käme der Verkehr zum totalen Stillstand. Wenn alle Menschen zur selben Zeit ihre Guthaben bei der Bank abheben wollten, würde das Finanzsystem kollabieren. Es gäbe nicht genug Platz auf der Straße und nicht genug Geld bei den Banken, um eine „Selbstverwirklichung“ aller zu garantieren.

Und genau das ist die Verheißung des Internets. Die wichtigste Erfindung seit dem Buchdruck schafft nicht nur eine universale Zeit in einem universalen Raum, im dem sich jeder ausbreiten kann. Das WWW ist auch maßgeblich für die Infantilisierung und Idiotisierung der Öffentlichkeit verantwortlich. Es bestätigt die banale Erkenntnis, dass es keinen Vorteil ohne Nachteil gibt, keinen Fortschritt ohne Rückschritt und keine Revolution ohne Reaktion.

Die Verschwörungstheorien, die nach dem 11. September 2001 in Umlauf kamen, wären ohne das Internet über ein paar alternative Kifferstuben und Erste-Hilfe-Stationen für Verwirrte nicht hinausgekommen. Weit häufiger und viel einfacher als bei den vorausgegangenen „Verschwörungen“ – dem Mord an Kennedy, dem Ableben von Marylin Monroe und der „gefakten“ Mondlandung – bekam buchstäblich jeder Psycho die Gelegenheit, sich zu äußern, auf gleicher Augenhöhe mit dem Rest der Welt. Was gestern „Speakers Corner“ im Londoner Hyde Park war, das ist heute das Internet.

Wenn jeder Mensch jederzeit seine Meinung äußern kann, ohne einen Fuß vor seine Küche setzen zu müssen, dann löst sich die Meinungsfreiheit in Kakophonie auf. Kam es in einer vertikal organisierten Gesellschaft früher darauf an, Durchlässigkeit und ein Ende der Privilegien zu fordern, geht es heute in einer horizontal verfassten Gesellschaft darum, wieder Grenzen zu ziehen, auf Abständen zu bestehen und qualitative Unterschiede zu betonen.

Dass eine psychotische Nervensäge im Rahmen einer Talentshow zum „Superstar“ avancieren kann, zeugt nicht von einer Demokratisierung der Gesellschaft, sondern von ihrer Entkernung. Und es kommt nicht darauf an, ob der Clown des Tages Daniel Küblböck oder Henrico Frank heißt, ob der eine so tut, als ob er singen könnte und der andere so, als ob er arbeiten möchte. Das Einzige, was zählt, ist die Homogenisierung der Gesellschaft auf einem Niveau, das möglichst vielen die Teilnahme ermöglicht. Niemand soll sich ausgeschlossen fühlen.

„Jekami“, jeder kann mitmachen, so hießen die vielen Amateurshows, als es noch kein Internet gab und 200 Leute die Freiheit hatten, ihre Meinung zu verbreiten. – Waren das schöne Zeiten.

Der Autor ist Reporter für „Spiegel“ und „Spiegel online“

2 Kommentare

Neuester Kommentar